Süddeutsche Zeitung

Kirche und Ehe:Die Gebote und der Heilige Geist

Den Gläubigen nicht nach dem Mund reden, sie aber ernst nehmen.

Von Matthias Drobinski

Dass die meisten Katholiken die Ehe schätzen, aber von ihrer Kirche eine andere Haltung wünschen zu Geschiedenen, zu schwulen und lesbischen Partnerschaften, zu Ehen ohne kirchlichen Segen, das ist keine Überraschung. Überraschend ist, wie treu und brav sie immer wieder Fragebögen aus Rom zum Thema beantworten, wie verquast die Fragen auch sein mögen. "Seht ihr das immer noch so?", fragt es aus Rom, ängstlich, pikiert, neugierig. Und abermals antwortet das Kirchenvolk: Ja, wir sehen das immer noch so.

Glücklich die Institution, die solche Menschen vereint: Viele von ihnen haben jahrzehntelang eine Kirche erlebt, die sich angstvoll hinter Maximen und Geboten verschanzte. Und doch haben sie ihre Kirche nicht aufgegeben. Die katholischen Bischöfe sollten alles tun, um diese Menschen nicht zu enttäuschen. Sie müssen ihnen nicht nach dem Mund reden, sie müssen sie aber ernst nehmen. Auch der größte Vorrat an Geduld ist einmal verbraucht.

In der katholischen Kirche entscheidet nicht die Mehrheit, sondern der Heilige Geist, pflegen jene in der Kirche zu sagen, die offene Diskussionen nicht wollen. Als ob damit ausgemacht sei, dass Geist ihnen ums Haupt flattert. Der Sensus fidelium, der Glaubenssinn des Gottesvolkes, war in der katholischen Kirche immer ein wichtiges Kriterium. Er spricht aus den Antworten auf die Fragebögen.

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Quelle:
SZ vom 21.04.2015
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