Kirche Papst: Abtreibung ist wie Auftragsmord

Franziskus verurteilt Schwangerschaftsabbrüche scharf: "Es ist nicht gerecht, einen Menschen umzubringen." Die Kirche schütze menschliches Leben "vom Augenblick der Empfängnis an absolut".

Von Matthias Drobinski

Papst Franziskus mit einem kleinen Argentinien-Fan vor der wöchentlichen Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz.

(Foto: Gregorio Borgia/dpa)

Papst Franziskus hat Abtreibung mit Auftragsmord verglichen. Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom am Mittwoch sagte er vor mehreren Tausend Gläubigen in seiner Predigt über das Fünfte Gebot "Du sollst nicht töten": Eine "in sich widersprüchliche Denkweise" erlaube Schwangerschaftsabbrüche "im Namen des Schutzes anderer Rechte". Der Papst fuhr fort: "Aber wie kann denn ein Akt, der unschuldiges und wehrloses Leben in seinem Entstehen unterdrückt, therapeutisch, vernünftig oder auch nur menschlich sein? Ich frage euch: Ist es gerecht, ein menschliches Leben zu beenden, um ein Problem zu lösen?" Abweichend vom Manuskript fügte er hinzu: "Es ist nicht gerecht, einen Menschen umzubringen, auch wenn er klein ist. Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen."

Für die katholische Kirche ist menschliches Leben "vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen", wie es im Katechismus der katholischen Kirche heißt; entsprechend betrachtet sie eine Abtreibung oder die Mitwirkung an einer Abtreibung als schweres Vergehen, das automatisch die Exkommunikation nach sich zieht. Strittig ist, ob das auch für Abtreibungen bei Lebensgefahr für die Schwangere oder nach einer Vergewaltigung gilt. Viele Theologen halten dort Ausnahmen für möglich; Papst Johannes Paul II. sprach aber auch eine Frau heilig, die lieber starb, als abzutreiben. Der Papst aus Polen verglich 2005 Abtreibung mit dem Judenmord; auch Joseph Ratzinger setzte als Präfekt der Glaubenskongregation Abtreibung und Mord gleich. Auf sein und Johannes Pauls II. Geheiß hin mussten die deutschen Bischöfe vor 20 Jahren die staatliche Schwangeren-Konfliktberatung verlassen, die Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung ist.

Unklar ist, ob Franziskus mit dem Vergleich den Kampf seiner Kirche gegen liberale Abtreibungsregelungen befeuern will - in Argentinien ist gerade erst die Legalisierung von Abtreibungen auch am heftigen Widerstand der katholischen Kirche gescheitert. Der Papst könnte so auch seine konservativen Gegner besänftigen wollen. Oder der Vergleich ist eine jener spontanen Äußerungen, die dann seine Mitarbeiter zurechtrücken müssen. Erst im Juni brachte der Papst Abtreibung behinderter Kinder mit den Euthanasie-Morden der Nazis in Zusammenhang. Im August behauptete er gegenüber Journalisten, bei früh sich offenbarender Homosexualität könne "viel mit Psychiatrie gemacht werden". Nach Protesten fehlte die Passage in der Niederschrift der Pressekonferenz.

Auch unter Katholiken ist die strikte Haltung der Kirche bei der Abtreibung umstritten. Im katholischen Irland kippte erst im Mai eine Zweidrittelmehrheit das bislang bestehende Abtreibungsverbot. In Deutschland reagierte die Kirchenvolkbewegung "Wir sind Kirche" empört auf den Vergleich: "Die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen einem Auftragsmord und einem Schwangerschaftsabbruch beleidigt sowohl die Opfer eines Mordes als auch die Gewissensentscheidung einer Frau im Schwangerschaftskonflikt", heißt es in einer Stellungnahme.