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Katholische Bischöfe:"Mitschuldig am Krieg"

Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Beten allein hilft längst nicht mehr. Die katholischen Bischöfe müssen sich bei der Frühjahrsvollversammlung geballtem Protest stellen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Die katholischen Bischöfe legen ein klares Schuldbekenntnis zur Rolle im Nationalsozialismus ab. Äußerungen kirchlicher Vertreter nach dem Zweiten Weltkrieg hatten noch Interpretationsspielraum gelassen.

Von Robert Probst

Schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die beiden großen Kirchen versucht, eine Haltung zu den Verbrechen des NS-Staates einzunehmen. Die katholischen Bischöfe formulierten es am 23. August 1945 so: "Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen." Sie seien angesichts der Verbrechen gleichgültig geblieben, hätten ihnen sogar Vorschub geleistet. "Viele sind selber Verbrecher geworden." Gern verwies man aber auch auf Katholiken, die Juden geholfen hatten. Die Formulierung "auch aus unseren Reihen" ließ viel Interpretationsspielraum: Hatten nur einzelne Katholiken versagt oder die Kirche als Organisation? Gerne pflegte man den Mythos, sich - im Gegensatz etwa zu weiten Teilen der evangelischen Kirche - eigentlich nicht der Kollaboration mit dem Hitler-Regime schuldig gemacht zu haben.

Nun hat die Deutsche Bischofskonferenz zum Kriegsende vor 75 Jahren klarere und eindeutigere Worte gewählt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz wollte keine Zweifel aufkommen lassen. "Das ist tatsächlich ein Schuldbekenntnis", sagte Georg Bätzing am Mittwoch über die 23-seitige Stellungnahme. "Bei aller inneren Distanz zum Nationalsozialismus und bisweilen sogar offener Gegnerschaft war die katholische Kirche in Deutschland Teil der Kriegsgesellschaft. Daran änderten auch die zunehmende Repression gegen das Christentum, der Vernichtungskrieg sowie die seit der Wende des Kriegsgeschehens und mit dem Bombenkrieg gegen Deutschland anwachsenden Verluste der Deutschen wenig. Trotz massiver Bedrängnisse der Kirche durch Staat und NSDAP, blieb - wie schon im Ersten Weltkrieg - die patriotische Bereitschaft, die materiellen, personellen und geistigen Ressourcen der Kirche für den Kriegseinsatz zu mobilisieren, bis zum Ende ungebrochen", heißt es da unmissverständlich. Ein weiterer Kernsatz lautet: "Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges Nein entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg." Ebenso treffend wird die historische Wahrheit beim Thema NS-Verbrechen auf den Punkt gebracht: "Auch gegen die ungeheuerlichen Verbrechen an den als 'rassenfremd' diskriminierten und verfolgten anderen, insbesondere den Juden, erhob sich in der Kirche in Deutschland kaum eine Stimme."

Bischof Heiner Wilmer, der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax - die die Stellungnahme erarbeitet hat - , sagte am Mittwoch, aus vielen "unstrittigen historischen Fakten" zur damaligen Haltung der Bischöfe habe sich "ein Bild der Verstrickung" ergeben. Bei der Vorstellung des Papiers betonte der Limburger Bischof Bätzing aber auch, es sei ihm und seinen Mitbrüdern nicht leichtgefallen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Denn wir wissen, dass uns die Rolle des Richters über unsere Vorgänger nicht gut zu Gesicht steht." Keine Generation sei frei von zeitbedingten Urteilen und Vorurteilen. Weiter sagte der Bischof, Europa sei derzeit in keinem guten Zustand. "Der alte Ungeist der Entzweiung, des Nationalismus, des "völkischen Denkens" und autoritärer Herrschaft erhebt vielerorts sein Haupt - auch bei uns in Deutschland." Im Herbst 2019 hatten die Bischofskonferenz beschlossen, ein Wort über das Verhalten der Bischöfe im Zweiten Weltkrieg zu veröffentlichen. Der fertige Text sei auf der Frühjahrs-Vollversammlung Anfang März verabschiedet worden, hieß es. Begleitet wurde die Arbeit von der Kommission für Zeitgeschichte.

Der Kirchenhistoriker Olaf Blaschke lobte das Dokument: "Jetzt erweisen sich auch die Oberhirten als ganz normale Kirchenmänner, die sich nicht mehr einmütig mit dem Opfer- und Widerstandsnarrativ schmücken können, sondern die ,eigenen Verstrickungen' einräumen, wenn sie auch in ihrem historischen Kontext zu interpretieren sind", sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur.

Das jetzt vorgelegte Wort der Bischöfe fügt sich in eine Reihe von Erklärungen zum Zweiten Weltkrieg und dem NS-Regime ein. Zuletzt hatten der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, Ende Januar an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert. Vereinzelt habe es "echten Heldenmut" gegeben, hielten die beiden kirchlichen Spitzenvertreter fest. "Doch dürfen wir nicht darüber hinwegsehen, dass viele Christen mit dem nationalsozialistischen Regime kollaboriert, zur Verfolgung der Juden geschwiegen oder ihr sogar Vorschub geleistet haben."

Papst Pius XII. - dessen Rolle in der Kriegszeit bis heute extrem umstritten ist - hatte 1945 übrigens anderes im Sinn als ein Schuldbekenntnis. Er lobte Mut, Treue und Geschlossenheit der deutschen Katholiken und lehnte die Theorie von der Kollektivschuld ab.

© SZ vom 30.04.2020
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