bedeckt München 32°

Kirche: Missbrauch:Was wusste Joseph Ratzinger?

Hätte Huth nicht spätestens da laut Alarm schlagen müssen, all seine Autorität in die Waagschale werfen müssen, damit H. nicht in den Gemeindedienst kommt? Das Gespräch wird zum Disput über die Möglichkeiten und Grenzen eines Therapeuten, der einem Erzbistum gegenübersteht, das nicht wahrhaben will, dass H. eine tickende Zeitbombe ist. "Irgendwann waren meine Grenzen erreicht", sagt Huth, "ich bin Arzt und nicht Personalchef." Bis 1992 ist H. bei ihm in der Gruppentherapie, "dort war er nicht wirklich integriert, er kam auch nicht aus innerer Einsicht, sondern weil er den Druck seiner Vorgesetzten spürte".

Huth, verordnete ihm das Medikament Antabus, das Vergiftungssymptome hervorruft, wenn einer nach der Einnahme Alkohol trinkt; H. nahm das Medikament nur unregelmäßig. Er fragte immer wieder nach, ob er sich auch von Kindern und Jugendlichen fernhielte, H. bejahte das - ihn kontrolliere doch der Weihbischof Soden-Fraunhofen, der nach seiner Pensionierung sogar in die Nähe von Garching gezogen ist.

1992 verließ H. die Therapie, Huth verlor den Kontakt zu ihm. Erst 16 Jahre später tauchte der Mann wieder auf, als ihn Wolfgang Schwab anrief, der Personalchef des Erzbistums - es seien Akten über H. aufgetaucht, die ihn stutzig machten. "Ich war entsetzt, als ich erfuhr, dass H. 150 Ministranten um sich versammelt hat." Das Erzbistum ließ nun ein drittes Gutachten über H. erstellen, vom Ulmer Forensik-Professor Friedmann Pfäfflin, der für die Deutsche Bischofskonferenz einschlägig auffällig gewordene Priester und Ordensleute begutachtet.

Huth: Ratzinger war mit dem Fall nicht befasst

"Zu meiner Überraschung erklärte es H. für voll verwendungsfähig", sagt Huth. Nun aber handelte das Erzbistum, "zum ersten Mal nach mehr als 25 Jahren", versetzte H. in die Tourismusseelsorge und verbot ihm jegliche Jugendarbeit - woran er sich nicht hielt. Noch einmal hat er ihn getroffen, jetzt, wo alles offenbar wurde. Er ist einem zerstörten Menschen begegnet.

Was der heutige Papst und damalige Erzbischof wusste? "Soweit ich das beurteilen kann, war Joseph Ratzinger mit dem Fall nicht befasst," sagt Huth. Es waren seine Untergebenen, die glaubten, sie hätten H. im Griff, der Weihbischof, der Generalvikar. Ob das den Erzbischof von der Verantwortung entbindet, ist eine andere Frage. Nur einmal, so sagt ein alter Prälat der SZ, sei es in einer Ordinariatssitzung um H. gegangen. "Die Sache ist zu beobachten" habe es da lediglich geheißen.

Derweil bereitet Siegfried Kneissl, der Missbrauchbeauftragte des Erzbistums, eine Reise nach Garching an der Alz vor - es gibt Hinweise, dass auch dort Pfarrer H. gegenüber Kindern und Jugendlichen Grenzen überschritt, die er nicht hätte überschreiten sollen. Er werde die Vorwürfe prüfen, sagt Kneissl. In der Tasche wird die Nummer des Staatsanwalts griffbereit sein.

© SZ vom 20.03.2010/mati
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB