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Kirche:"Meine Frau ist ausgetreten"

Die Evangelischen Kirche diskutiert, wie konkret politisch sie werden soll - zum Beispiel bei der Seenot-Rettung.

Wie schwierig das mit dem Frieden werden kann, zeigt sich schon beim Gottesdienst in der Dresdner Kreuzkirche, mit dem die Synodalen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Tagung des Kirchenparlaments eröffnen. Noch immer trägt das Gotteshaus die Narben des Feuersturms vom Februar 1945; 1982 zogen von hier aus mutige Christen zu den Trümmern der Frauenkirche, um für den Frieden zu beten, zum Ärger von SED und Stasi. Jetzt mahnen bunte Wandbilder, gemalt von Kindern, zu Frieden und Menschenfreundschaft.

Der ursprünglich geplante Prediger aber ist der evangelischen Kirche abhandengekommen. Carsten Rentzing, der sächsische Landesbischof, ist im Oktober zurückgetreten, als bekannt wurde, dass er als Student in einer neurechten Zeitschrift schrieb. Seitdem ist er abgetaucht und schweigt; er hat eine zerrissene Landeskirche zurückgelassen. "Viele wissen, wie aufgewühlt wir sind", sagt nun Rentzings Stellvertreter Thilo Daniel, "nach dem Rücktritt unseres Landesbischofs ist der Wunsch nach Frieden obenauf". Wie scharf muss sich die evangelische Kirche von rechten Positionen abgrenzen - auch um den Preis, mit manchem Gemeindemitglied zu brechen? Die Frage von Friede und Konflikt ist da sehr nah und schmerzhaft.

Es geht den Protestanten beim Thema Frieden nicht mehr so sehr um die abstrakte Angst vor dem Atomkrieg der Supermächte, sie treibt die Sorge um den Frieden im Land um. Heinrich Bedford-Strohm, der Münchner Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKD, wird zwar in seinem Ratsbericht die deutsche Waffenexportpraxis kritisieren und die Politik der USA in Syrien - aber er beginnt mit dem antisemitischen Anschlag gegen die Synagoge in Halle. "Wir werden die zur Rede stellen, die Rechtsradikalen Deckung geben, auch wenn sie selbst so nicht denken", verspricht er. Und wenn Parteien "rechtsradikale Ideen in ihren Reihen dulden, dann disqualifizieren sie sich im demokratischen Diskurs".

Nicht allen gefällt, dass die EKD nun Spenden für ein Seenot-Rettungsschiff sammelt

Und auch da, wo es um die weltweite Gerechtigkeit geht, schwingt an diesem Sonntag die Frage mit, wie sich die evangelische Kirche in Deutschland politisch ausrichten soll. Im Juni hatte der Evangelische Kirchentag in Dortmund die EKD aufgefordert, ein Schiff ins Mittelmeer zu schicken und bei der Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge zu helfen. Die EKD hatte angekündigt, ein breites Bündnis zu schmieden, das ein Seenotrettungsschiff tragen sollte. Doch gegen den Plan, hinter dem mit einiger Begeisterung der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm stand, gab es Bedenken: Ist es die Aufgabe der EKD, sich so konkret einzumischen? Übernimmt sich die Kirche damit nicht? Und riskiert sie nicht so manchen Austritt?

Die EKD habe nun "einen starken Partner" gefunden, verkündet Bedford-Strohm in Dresden - es ist die deutsche Seenotrettungsorganisation Sea-Watch. Am 3. Dezember solle ein breites gesellschaftliches Bündnis "United4Rescue" gegründet und unter dem Hashtag "#WirschickeneinSchiff" eine Spendenaktion gestartet werden. Aus dem eigenen Schiff ist die Unterstützung für ein Schiff geworden: "Wir wollten ja keine Reederei werden", betont der Ratsvorsitzende, wichtig sei ihm vor allem: "Man lässt keinen Menschen ertrinken. Punkt." Er habe zu seiner Haltung "breiten öffentlichen Zuspruch" erfahren, aber auch "ein sehr kontroverses Echo", sagt Bedford-Strohm. "Während einige kritisch reagierten und sogar mit Kirchenaustritt drohten, brachten andere ihre nachdrückliche Unterstützung und große Freude zum Ausdruck" - es habe sogar Wiedereintritte gegeben.

In der Debatte über den Ratsbericht zeigt sich, dass diese Debatte auch das Kirchenparlament erreicht hat: Es gibt Lob für die Seenotrettungsaktion, es gibt die kritische Frage, ob sie so kurz vor Weihnachten nicht anderen Hilfsorganisationen schadet. Und es gibt einen Synodalen, der sagt: "Meine Frau ist deshalb ausgetreten."