Flüchtlinge in Deutschland:Kirchen wollen an Prinzipien erinnern

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So ist die Beseitigung des wirtschaftlichen Ungleichgewichts auf der Welt ein Schlüssel zum Frieden. Eine Rahmenordnung nach Vorbild der sozialen Marktwirtschaft wäre hilfreich. Globalisierung allein als Ausweitung des Kapitalismus zu sehen, greift zu kurz. Wir brauchen ein Denken für die Menschheitsfamilie, wie es ansatzhaft in Paris bei der Klimakonferenz erkennbar wurde.

Wenn die Kirchen hier ihre Stimme erheben, dann tritt ihnen oft das Argument vom "naiven Gutmenschentum" entgegen. Genervte Politiker führen bisweilen ins Feld, sie hätten die Verantwortung zu tragen - während sich die Kirchen in Utopien verlören, Gesinnungsethiker eben.

Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Es ist nicht Aufgabe der Kirche, selbst Politik zu machen. Das haben Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutschland in ihrem 1997 vorgelegten Gemeinsamen Wort festgehalten: "Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, sie wollen Politik möglich machen." Sie erinnern die politisch Verantwortlichen an Leitlinien und Prinzipien, das ist mehr als Gesinnung. Es wird überprüft, ob die konkrete Politik mit dem christlichen Menschenbild im Einklang ist. Die Kirche erinnert an den Grundsatz des Evangeliums: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Pfarreien als Orte der Integration

Nichts veranschaulicht diesen Zusammenhang deutlicher als der Besuch von Papst Franziskus auf Lampedusa. Schlagartig rückte diese symbolische Geste das Schicksal Tausender ins Licht der Weltöffentlichkeit. Auch wenn immer noch Men-schen im Mittelmeer ertrinken, so hat doch die EU in der Folge das Grenzregime überdacht und ihre Anstrengungen in der Seerettung verstärkt. Das Thema hat neue Dynamik und neuen Tiefgang bekommen.

Die Kirche bringt ihre aus dem Evangelium gewonnenen Überzeugungen und an der Vernunft orientierten Prinzipien aber keinesfalls nur als Mahnerin in die Debatte ein. Vielmehr mischen Christen sich konkret durch ihr Handeln ein. Es ist nicht kleinzureden, was die Kirchen als Institutionen auch mit ihrer Caritas und Diakonie leisten. Und auch nicht, wenn sich Hunderttausende Freiwillige aus den Gemeinden für Flüchtlinge einsetzen.

Mich erfüllt mit Freude, dass Pfarreien vielerorts regelrechte Kristallisationspunkte der Hilfe und Integration geworden sind. Auch hierin liegt ein möglicher politischer Beitrag der Kirchen heute: Wir können die Fremden nur in unserer Gesellschaft aufnehmen, wenn wir auch wissen, wer wir selbst sind und dazu stehen. Kern des christlichen Glaubens ist die Überzeugung, dass Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist und so der Bruder aller Menschen, besonders der Armen und Schwachen. Aus dieser weihnachtlichen Botschaft ergibt sich eine christlich geprägte Politik.

Kardinal Reinhard Marx, 62, ist Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

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