Kirche Darf man Luther feiern?

Er war ein leidenschaftlicher Gottsucher, ein Reformator. Martin Luther war aber auch ein Menschenhasser und Judenfeind. Nun steht das Jubiläum der Reformation an.

Von Matthias Drobinski

Kann man in Deutschland einen Mann feiern, der den Juden wünschte, "dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anzünde"? Einen Mann, der Muslimen, Katholiken und aufständischen Bauern Pest, Tod und Teufel an den Hals wünschte? Darf man fröhlich eines Jahrhunderts gedenken, das darin endete, dass ein furchtbarer Krieg samt Seuchen und Hunger ein Drittel der Menschen in Mitteleuropa dahinraffte?

Die Frage wird dieses Jahr akut, denn am 31. Oktober ist es 499 Jahre her, dass Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen gegen den päpstlichen Ablasshandel veröffentlichte. In diesem Wittenberg wird dann Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, gemeinsam mit dem katholischen Christenbruder Kardinal Reinhard Marx ein Jahr des Feierns und Gedenkens eröffnen; am selben Tag empfängt im schwedischen Lund der Lutherische Weltbund Papst Franziskus. Bis zum 500. Jahrestag des legendären Thesenanschlags gibt es Tausende Veranstaltungen, eine große Pilgerfahrt durch Europa, einen Kirchentag in Berlin mit einem Abschlussgottesdienst in Wittenberg mit bis zu 300 000 Gläubigen. Ein ganzes Jahr lang wird es luthern in Deutschland und der Welt.

Ein leidenschaftlicher Gottsucher, aber auch ein Menschenhasser

Zehn Jahre hat sich die evangelische Kirche in Deutschland vorbereitet auf das Jahr, und sie hat viel gelernt in dieser Dekade. Sie hat sich vom konfessionellen Triumphalismus verabschiedet und feiert nun kein Luther-, sondern ein Christusfest. Sie hat sich den abgründigen Seiten des Reformators gestellt und vermeidet, den Eindruck zu erwecken, als habe dieser Luther im Alleingang Freiheit, Gewissen, Demokratie und Menschenrechte erfunden - vor ein paar Jahren klang das durchaus noch anders. Sie hat die Katholiken einbezogen und die Kirchen der Reformation in aller Welt: Noch nie wurde der Reformation so ökumenisch, europäisch, international und aufgeklärt gedacht.

Und trotzdem wird der Schatten der Geschichte über diesem Gedenkjahr liegen. Es sind die Schatten des Reformators, der zugleich ein leidenschaftlicher Gottsucher und Menschenhasser war. Es sind die Schatten eines Gedenkens, das über Jahrhunderte missbraucht wurde, um Identität zu schaffen, indem man andere ausgrenzte und abwertete, ob Katholiken, Franzosen, Juden. Es sind die Schatten jener Deutschtümelei und jenes Rassismus, derer sich dann ein NS-Ideologe wie Julius Streicher bedienen konnte; die Schatten der Vereinnahmungsversuche bis hin zu jenem der DDR von 1983, die, auf der Suche nach Wurzel und Mitte, zum 500. Geburtstag des Reformators Luther als großen Revolutionär und Stichwortgeber für Erich Honecker entdeckte.

Viele Historiker, die sich mit der Reformationszeit beschäftigen, misstrauen deshalb dem Gedenkjahr, das da auf das Land zukommt. Sie haben mit einiger Lust und völlig zu Recht alle Versuche von Kirchenvertretern auseinandergenommen, Martin Luther irgendwie doch noch zum Helden der Moderne zu stilisieren, sie haben herausgearbeitet, wie sehr er ein spätmittelalterlicher Mensch war und die Reformation Teil eines großen europäischen Umwälzungsprozesses. Von Luthers Originalität ist wenig geblieben.

Das alles ist wichtig - doch es genügt nicht, Luther und die Reformation einfach so weit zu historisieren, bis das Vergangene bedeutungslos wird für die Gegenwart. Es führen ja Fäden und Spuren durch jene 500 Jahre hindurch: Da sind Luthers Bibel und Sprache. Da ist seine Erkenntnis, dass der Mensch als Mensch von Gott angenommen ist, egal, was er leistet. Und auch Luthers Abgründe haben Folgen bis heute. Vergangenen November drückte die Synode der evangelischen Kirche ihre Scham angesichts der jahrhundertelangen kirchlichen Judenfeindschaft aus. Schämen kann sich aber nur, wer, was geschehen ist, vergegenwärtigt. Das ist ja der Wert eines kulturellen und auch religiösen Gedächtnisses: Es gewinnt aus dem Vergangenen einen Deutungsvorrat für die Gegenwart. Es macht bewusst, was schon gesagt, gedacht und getan wurde. Es macht aber auch empfindlich gegenüber den Schatten der Vergangenheit, gegenüber dem Leid, der verletzten Menschenwürde.

Gerade das ist die große Chance des Reformationsgedenkens 2017 - wenn es kein triumphales, sondern ein leidempfindliches Gedenken wird, sich der Schatten bewusst. 2017 ist auch das Jahr etlicher Landtagswahlen und einer Bundestagswahl. Es wird, wie schon lange nicht mehr, in diesem Jahr um die Identität und Mitte Deutschlands gehen, darum, was dieses Land ausmacht und was nicht, was es als seine Wurzeln ansieht und was nicht. Wenn Martin Luthers Erben dazu einen Beitrag leisten könnten, wäre das gut für dieses Land auf der Identitätssuche.