Kirche Beschäftigt im Diesseits

Am Hauptgottesdienst des Katholikentages auf dem Schlossplatz in Münster nahmen Tausende Besucher teil.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Kreuzerlass, Trump und das aufgekündigte Iran-Abkommen: Der Katholikentag in Münster steht im Zeichen der aktuellen Politik.

Von Matthias Drobinski

Zum Schluss gab es noch einmal Appelle zum Frieden, Ermahnungen gegen den Egoismus und Ermunterungen, nicht die Hoffnung zu verlieren: Mit einem Gottesdienst vor mehr als 30 000 Menschen ist in Münster der 101. Katholikentag zu Ende gegangen; er stand unter dem Leitwort "Suche Frieden". Der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der auch Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz ist, rief die Gläubigen dazu auf, trotz der Krisen und der Zerrissenheit der Welt nicht die Hoffnung zu verlieren. Die Christen und die Kirchen müssten "Instrumente des Friedens sein". Allein mit militärischen Mitteln sei der Friede nicht zu erreichen. Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, plädierte für einen vertieften Dialog der Religionen; richtig gelebte Religion könne zum "Motor des Friedens" werden.

Das Treffen der katholischen Laien war diesmal stark von der aktuellen Politik bestimmt, gerade von den internationalen Krisen wie dem aufgekündigten Atomabkommen mit Iran durch US-Präsident Donald Trump. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel erhielten für ihre Kritik an der Aufkündigung des Atomabkommens viel Applaus. Auch der Beitrag des kolumbianischen Friedensnobelpreisträgers Juan Manuel Santos, der über den Versöhnungsprozess nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Kolumbien erzählte, stieß auf großes Interesse.

Streit provozierte ein Podium über das Verhältnis von Kirche und Politik, weil dort erstmals ein Vertreter der AfD saß; ohne Streit ging dagegen die Diskussion über die richtige Integrationspolitik über die Bühne, zu der Innenminister Horst Seehofer (CSU) geladen war - er sagte wegen Anreiseproblemen ab, ihn vertrat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Auch die Debatte um das Pflichtkreuz, das ab dem 1. Juli in den Behörden des Freistaates Bayern hängen soll, ging weiter. Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki sagte, er finde es schwierig, "so etwas einfach von oben zu verordnen", und schloss sich damit der Kritik von Kardinal Marx und zahlreichen Politikern an. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verteidigte den Beschluss. "Unseren Werten soll mit dem Kreuz sichtbarer Ausdruck gegeben werden", erklärte er. Es solle "eine Einladung an alle sein, Nächstenliebe und Menschenwürde zu leben".

Bei den innerkirchlichen Themen bestimmte der Streit um den Kommunionempfang evangelischer Ehepartner die Debatte - dort muss die Bischofskonferenz nun einen Kompromiss finden zwischen einer großen Mehrheit der Bischöfe, die dies fallweise erlauben wollen, und einer Minderheit, die sich dagegen ausspricht. Zahlreiche Redner stützten das Vorhaben der Mehrheit. Kardinal Marx deutete einen möglichen Kompromiss an: Es könnte jedem Bischof überlassen werden, wie er mit der Frage umgeht. Einen Eklat gab es, als der Kabarettist Eckart von Hirschhausen im Gespräch mit Kardinal Woelki, der gegen den Kommunionempfang für evangelische Ehepartner ist, sagte: Er zahle über seine katholische Ehefrau Kirchensteuer; dafür wolle er "auch die Oblate - oder mein Geld zurück". Hirschhausen entschuldigte sich am Tag darauf für die Wortwahl.

Insgesamt kamen fast 90 000 Dauer- und Tagesbesucher zum Katholikentag nach Münster, so viele wie seit der Wiedervereinigung nicht. Bei vielen Veranstaltungen mussten Interessierte draußen bleiben. Zu den heimlichen Stars des Treffens zählte der Musiker Udo Lindenberg: Er selber kam nicht nach Münster. Aber seine mit "Likörell-Technik" gemalten Bilder zu den Zehn Geboten lockten fast 42 000 Besucher in die Überwasserkirche. Der Erlös aus dem Verkauf von Drucken und Briefmarken soll, in Zusammenarbeit mit dem katholischen Bonifatiuswerk, Projekten für Frauen und Kinder in Not zukommen. "Frieden muss doch irgendwann Realität werden", schreibt Lindenberg im Katalog zu der Ausstellung. "Irgendwann in deinem Leben musst du dich entscheiden, ob du dich engagierst. Ob du das lebst, zu dem du geschaffen bist: ein Mensch."