bedeckt München 26°

Kindesmissbrauch:Resozialisierung und Rückfall

Pädophilie ist nicht heilbar. Auch vermeintlich erfolgreich therapierte Täter müssen daher noch lange überwacht werden, damit Kinder nicht immer wieder zu Opfern werden.

Von Kerstin Lottritz

Kinder, die auf einem Campingplatz in Lügde einem Mann und seinen Komplizen zum Opfer fallen. Ein Junge, der in Staufen jahrelang von seiner Mutter und seinem Stiefvater an Männer verkauft wird, die ihn sexuell missbrauchen. Riesige Datenmengen an kinderpornografischem Material, gefunden in einer Wohnung in Bergisch Gladbach, deren Auswertung einen bundesweiten Komplex von Kindesmissbrauch offenbart. Und jetzt der Fall in Münster, wo sich ein Stiefvater mit anderen Männern zum Missbrauch seines Ziehsohnes verabredet. Diese Verbrechen sind derart schockierend, dass sie auch die Ermittler fassungslos zurücklassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung scheinen sich die Fälle von schwerem Kindesmissbrauch zu häufen, bei denen die Kinder oft jahrelang einem Martyrium ausgesetzt sind. Vergessen wird dabei, dass die Polizei ihre Ermittlungsarbeit in den vergangenen Jahren verstärkt hat. Mehr Beamte wurden aus anderen Bereichen abgezogen, um bei der Auswertung von Beweismaterial zu helfen. Gleichzeitig wurde mehr in IT-Experten investiert, die verschlüsseltes Datenmaterial erschließen. Dennoch machen die Ermittler stets klar: Es ist nur ein kleiner Teil der Sexualverbrechen an Kindern, die sie ans Licht bringen können.

Bei vielen Fällen, die die Öffentlichkeit bewegen, zeigen sich Parallelen. In Staufen wie in Münster waren die Verdächtigen polizeibekannt - wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornografie, aber auch schon wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Und der Fall in Lügde ließ die Öffentlichkeit auch deshalb so fassungslos zurück, weil die Behörden sich nicht untereinander informiert hatten.

Umso mehr drängt die Frage: Wie kann man Kinder künftig besser schützen? Eine Forderung lautet, schon den Besitz von Kinderpornografie härter zu bestrafen. Dies könnte hilfreich sein. Aber man muss sich auch fragen: Schreckt einen Pädophilen eine Höchststrafe von künftig fünf statt bisher drei Jahren wirklich davon ab, noch weiter zu gehen und Kinder selbst zu missbrauchen?

Dringender ist es, dass Behörden besser zusammenarbeiten, um Verbrechen an Kindern vorzubeugen. Vor allem aber: Ein bereits aufgefallener Täter darf nicht einfach aus dem System genommen werden, wenn er eine Therapie vermeintlich erfolgreich abgeschlossen hat - so wie im Fall des Münsteraner Täters, dessen Bewährungshelfer ihm eine "vertrauensvolle Zusammenarbeit" attestiert hatte.

Pädophilie ist eine Krankheit. Eine, die nicht heilbar ist. Studien gehen von einer Rückfallquote von 40 bis 50 Prozent aus. Die Rückfallgefahr ist damit doppelt so hoch wie bei der Gesamtheit aller Sexualstraftäter. Aber es gibt Menschen, die durch Verhaltenstherapien und Medikamente gelernt haben, mit ihrer Krankheit umzugehen.

Rehabilitierung eines Täters bedeutet jedoch auch, dass dieser zum Schutz der Kinder über Jahre weiter beobachtet werden sollte. Es muss immer wieder aufs Neue beurteilt werden, ob er rückfällig werden könnte und somit eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Die, so wichtige, Resozialisierung der Täter darf nicht auf Kosten des Kindeswohls gehen. Nur intensive Präventionsarbeit mit überführten, aber auch mit potenziellen Tätern kann letztendlich verhindern, dass weitere Kinder zu Opfern werden.

© SZ vom 09.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite