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Kinderkrippen vor und nach dem Mauerfall:Krippenpädagogik: Vom Gruppenzwang zur Individualisierung

Die Organisation für Wirtschaft und Zusammenarbeit in Europa (OECD) verlangte seit Mitte der 90er Jahre eine bessere Nutzung des "Humankapitals" in den alternden westlichen Gesellschaften. Das sorgte dafür, dass von Feministinnen schon lang erhobene Forderungen nach besseren beruflichen Chancen für Frauen, nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nun auch in konservativen Kreisen Gehör fanden, wenn auch unter neuen Vorzeichen. (Mehr zum Wandel in der Familienpolitik hier).

Auch Kinder wurden plötzlich als "Ressource für den Arbeitsmarkt" gesehen, wie Ostner sagt. Und in der Forschung wurde immer deutlicher, welchen Wert bereits frühkindliche Bildung hat: "Früherfahrungen haben eine Nachhaltigkeit, sie bahnen im Gehirn den Weg des Lernens", sagt Entwicklungspsychologin Ahnert. Gezielte frühe Nachwuchsförderung wurde so zumindest auch in wirtschaftsfreundlichen konservativen Kreisen zum Thema.

Was zu Wendezeiten absolut undenkbar war, schrieb sich die konservative Regierung etwa eineinhalb Jahrzehnte später auf die Fahnen: Ursula von der Leyen (CDU) machte Druck in Sachen Krippenausbau - und verankerte das Recht auf einen Betreuungsplatz für Ein- bis Dreijährige sogar gesetzlich.

Doch hat sich seit dem Zusammenbruch der DDR in der Kinderbetreuung auch einiges gewandelt. Das liegt natürlich am veränderten Gesellschaftssystem. "Das Ziel der DDR-Pädagogik war, die Kinder auf ihre Rolle in der sozialistischen Gesellschaft vorzubereiten; weniger, ihre aktuellen Entwicklungsbedürfnisse zu befriedigen", sagt Lieselotte Ahnert, die heute an der Uni Wien Professorin für Entwicklungspsychologie ist, ihre Laufbahn als Wissenschaftlerin aber noch in der DDR begann. Entsprechend sei in der DDR "die Individualität der Kinder nicht in den Mittelpunkt gestellt (worden), sondern die Gruppe".

Den Erzieherinnen wurde zudem ein besonders hohes Maß an professioneller Kompetenz zugebilligt. "Es wurde das Bild vermittelt, Erzieherinnen wissen, was das Kind braucht, während das, was die Eltern zu Hause mit ihren Kindern machen, möglicherweise Blödsinn ist", beschreibt es Ahnert.

In Slogans wie "Ich betreue dein Kind, wie ich mein eigenes betreuen würde", wurde zugleich die Familienähnlichkeit der Einrichtungen betont - eine völlig unzutreffende Sichtweise, wie die Forschung inzwischen weiß. "Heute ist klar: Erzieherinnen sind kein Mutterersatz, Kinderbetreuungssysteme können nicht familienähnlich sein. Aber sie können kindorientiert und familienfreundlich sein", sagt Betreuungs-Expertin Ahnert.

Von Bindungsprozessen wenig Ahnung

Das waren DDR-Krippen nicht unbedingt. Zum Symbol für einen rigide durchstrukturierten, nicht kindgemäßen Alltag ist der in der Ost-Pädagogik vorgesehene gemeinsame Töpfchengang aller Kinder geworden. Doch es geht um mehr. Die Betreuung in Krippen und Kindergärten zielte auf das Erlernen von Tagesabläufen und kognitive Stimulierung. Doch eine zentrale Voraussetzung fehlte: "Den Pädagogen war nicht bewusst, dass ein Kind eine emotional sichere Basis für diese Dinge braucht, dass es einen Anpassungsprozess braucht", sagt Ahnert.

Trifft das Klischeebild des unmenschlichen DDR-Krippensystems also zu? Vielleicht zum Teil, wenn sich auch die tatsächliche Lebenswirklichkeit bisweilen von den am Reißbrett entworfenen Vorstellungen der Staatsmacht unterschieden haben soll. Gerade besonders kleine Kinder wurden beispielsweise später gebracht oder früher geholt. Junge Mütter beendeten ihre Arbeit früher oder Omas sprangen ein, berichtet Ahnert. "Es menschelte."

Hinzu kommt: Auch in der alten BRD wussten Krippen- oder Kindergarten-Erzieherinnen noch so gut wie nichts über die Bedeutung von Bindungsprozessen für die Stressverarbeitung, stellt Ahnert fest. Sensibilität in der Frühpädagogik, die habe es weder im Osten noch im Westen gegeben.

Das ist heute anders: Innerhalb der vergangenen 15 bis 20 Jahre ist in der Pädagogik die Sensibilität für die Bedürfnisse der Kinder und für ihre Individualität stark gewachsen. Es gibt Eingewöhnungsphasen, in denen die Kinder mit ihren Betreuern vertraut werden können. Zwischen Eltern und Einrichtung herrscht oft ein reger Austausch.

Trotzdem läuft es auch in der heutigen Kleinkinderbetreuung keineswegs zum Besten. Denn beim forcierten Krippenausbau der vergangenen Jahre wurde zwar die Zahl der Plätze deutlich vermehrt, die Qualität der Einrichtungen blieb dabei aber oft auf der Strecke. Pädagogen und Entwicklungspsychologen seien sich einig, dass man kleinen Kindern Krippen dieser Qualität nicht zumuten dürfe, sagt Soziologie-Professorin Ostner.

Das zentrale Problem ist der Mangel an qualifiziertem Personal (hier mehr dazu) Denn wo Erzieher fehlen, kann auch das beste pädagogische Programm nicht greifen.

Rein weltanschaulich betrachtet scheinen sich die Krippengegner auf dem Rückzug zu befinden. Der von der CSU geführte Kampf um das Betreuungsgeld ließ zwar durchaus deutlich werden, dass die außerhäusliche Kleinkinderbetreuung auch heute noch nicht jedermanns Sache ist.

In der Zukunft wird aber wohl eher die Frage eine Rolle spielen, inwiefern Eltern und Kinder innerhalb einer immer flexibler werdenden Arbeitswelt genötigt werden, ihre Betreuung daran anzupassen, beispielsweise durch die Nutzung von Abend- oder gar Über-Nacht-Einrichtungen. Unter "Sozialismus-Verdacht" gerät 25 Jahre nach dem Mauerfall jedenfalls keiner mehr, der für den weiteren Krippenausbau plädiert.

© Sueddeutsche.de/mane
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