Kinderehen:Syrische Mädchen werden verheiratet, um sie auf Fluchtroute zu schützen

Es ist also kein neues deutsches Phänomen. Dass Kinderehen nun derart in den Fokus geraten, hängt mit der Einreise Hunderttausender Geflüchteter im vergangenen Jahr zusammen. Vor allem in den Flüchtlingscamps in Jordanien und in Libanon, das berichtet Alia Al-Dalli, die Leiterin der SOS-Kinderdörfer im Nahen Osten, hat sich die Zahl der Zwangsehen erhöht. Syrische Mädchen werden mit meist viel älteren Männern verheiratet. Um Geld für sie zu erzielen, oder um sie auf der weiteren Fluchtroute körperlich abzusichern. An der Seite eines Ehemannes sind sie besser vor Vergewaltigungen geschützt.

So war es auch im Fall der kleinen Zahira. Sie gab an, mit 14 Jahren verheiratet worden zu sein, nach syrischem Scharia-Recht. Im zweiten Versuch gelang die Flucht im Schlauchboot nach Griechenland, dann ging es auf die Balkanroute, Ziel Deutschland. Immer eng an der Seite ihres Ehemannes. In Aschaffenburg angekommen, nahm das Jugendamt Zahira in Obhut, holte sie aus einer Turnhalle, wo sie mit dem Ehemann und 180 weiteren Flüchtlingen untergebracht war. Das Jugendamt berief sich auf das Kindeswohl und darauf, dass das Mädchen die Tragweite der Ehe nicht absehen könne und zur Führung eines selbstbestimmten Lebens nicht in der Lage sei. Das Paar wehrte sich dagegen und betonte, dass es sich von Herzen liebe. Das Mädchen verweigerte aus Protest Integrationskurse, der Ehemann klagte. Das Familiengericht folgte der Argumentation des Jugendamtes, dass deutsche Regelungen für Minderjährige zu gelten hätten und nicht der Schutz einer nach Scharia-Recht geschlossenen Ehe.

Die nächste Instanz, das Oberlandesgericht Bamberg jedoch, kam im Mai zu einem ganz anderen Urteil und betrieb dafür einigen Aufwand: Über die deutsche Botschaft in Libanon ließen die Richter recherchieren, dass das Paar in Syrien rechtmäßig geheiratet habe - Zivilregisterauszug und eine Heiratsurkunde des Scharia-Gerichts liegen vor. Es lägen keine Hinweise auf eine Zwangsehe vor, sodass auch keine Belange des Kindeswohls gegen die Rechtmäßigkeit dieser Ehe sprächen. Es ist ein ungewöhnlicher Beschluss, in dem zu lesen ist über Verhütungsmethoden, über Drei-Monats-Spritzen, die dem Kind empfohlen wurden. Zahira darf nun wieder bei ihrem Mann leben und tut dies auch. Die Stadt Aschaffenburg hat Beschwerde dagegen eingelegt. Das Mädchen wird intensiv vom Jugendamt betreut. Dessen Leiter, Adam Mantel, ist ein umsichtiger, abwägender Mann; er will keinem Urteil vorgreifen und sich nicht vor den falschen Karren spannen lassen. Entlocken lässt er sich aber, dass er wieder genauso handeln würde: "Da kann kein Jugendamt sehenden Auges nichts tun."

Die Union fordert ein Verbot von Eheschließungen unter 18 Jahren ohne Wenn und Aber. Justizminister Maas denkt über eine Anerkennung bei besonderen Härtefällen nach, etwa falls es bereits ein Kind gibt. Auch die Caritas oder das Deutsche Institut für Menschenrechte sprechen sich gegen ein pauschale Unwirksamkeit von Kinderehen aus. Die Experten befürchten Nachteile für die Betroffenen, den Verlust von Unterhaltsansprüchen oder des Aufenthaltsrechts. Über alle Grenzen hinaus ist jedoch klar: Ist ein Ehepartner unter 14, ist das Kindesmissbrauch und strafbar.

Im islamischen Recht sind Mädchen mit neun Jahren heiratsfähig

Im traditionellen islamischen Recht wird teilweise davon ausgegangen, dass Mädchen bereits mit neun Jahren und Jungen mit zwölf Jahren heiratsfähig sind. Das weltweit geltende katholische Kirchenrecht schreibt als Mindestalter für Mädchen 14 Jahre und für Jungen 16 Jahre vor. Laut dem Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier gibt es aber so gut wie keine kirchlichen Ehen von Minderjährigen in Deutschland. 664 der verheirateten Minderjährigen, die zurzeit in Deutschland leben, stammen aus Syrien. Weitere Herkunftsstaaten sind Afghanistan (157), der Irak (100), sowie Bulgarien (65), Polen (41), Rumänien (33) und Griechenland (32).

Irina Badavi ist voller Wut, wenn sie die politische Diskussion über Kinderehen verfolgt: "Es darf keine Ausnahmen geben. Es gibt keine Vorteile für die Mädchen, sie haben nur Nachteile", ruft sie laut. Die missbrauchte Frau, die von sich sagt, dass sie "ausgesucht wurde wie ein Stück Vieh", hat diese Wut in ein Buch gepackt, es heißt "Wenn der Pfau weint - Wie ich mich als Jesidin aus der Gewalt einer Parallelgesellschaft in Deutschland befreien konnte". Diese Parallelgesellschaft scheint zu wachsen. Irina Badavi beobachtet, dass die Mädchenhäuser, ein Ableger der Frauenhäuser für Minderjährige, voller werden. Zuletzt habe ihr ein Mann hasserfüllt zugerufen: "Warum soll ich eine Türkin aus Deutschland heiraten, die viel zu offen ist, wenn ich eine aus meinem Heimatdorf holen kann?" Die Regel, so Badavi, sei da: je jünger, desto begehrter.

© SZ vom 12.11.2016/lalse
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