Kinderbuch Für immer hungrig

Eric Carles Raupe Nimmersatt feiert ihren 50. Geburtstag - und frisst sich immer noch durch Millionen Kinderzimmer weltweit.

Von Thomas Hahn

Damit die Erwachsenen die Bedeutung des Bilderbuchs "Die kleine Raupe Nimmersatt" besser verstehen, haben Forscher des Marktes ein paar Zahlen zusammengetragen. Demnach wird alle 30 Sekunden ein Exemplar des Buches verkauft. Insgesamt sind schon mehr als 51 Millionen davon über Ladentische auf der ganzen Welt gegangen, acht Millionen allein in Deutschland. Das Werk existiert in 66 Sprachen. Der Gerstenberg-Verlag in Hildesheim führt es in seinem Repertoire als "Steadyseller", als Langzeiterfolg.

Kinder und Kindgebliebene, die mit der Raupe Nimmersatt aufgewachsen sind, brauchen solche Daten nicht. Denen ist wahrscheinlich auch egal, dass die Raupe dieses Jahr ihren 50. Geburtstag hinter sich gebracht hat. Dieses kleine bunte Buch des amerikanischen Illustrators Eric Carle war ein markanter Tupfer in ihren Kinderzimmern. Sie vergessen die hungrige Raupe nicht mehr, die an einem warmen Sonntagmorgen - knack - aus einem Ei schlüpfte und sofort aufbrach, um sich binnen einer Woche durch ein ganzes Arsenal unterschiedlichster Lebensmittel zu fressen. Am Schluss ist sie ein wunderschöner Schmetterling und alle sehen, dass man keine Angst haben muss vor dem Aufbruch in die Welt.

Die kleine Raupe Nimmersatt ist ein einprägsames Beispiel dafür, wie man mit Kunst die Kinderseele erreichen kann. Sie ist zeitlos. Es wirkt fast so, als habe sie sich genauso durch das kollektive Gedächtnis gefressen wie durch die zerlöcherten Früchte auf den Buchseiten, durch die ein Kinderfinger passt. Die Raupe Nimmersatt ist längst auch eine Figur der modernen Medienwelt mit Apps, Musicalinszenierungen, Computerspielen, Firlefanz. Trotzdem: Dieses Buch mit Carles markanten Collagen aus bemaltem Seidenpapier gehört immer noch zur Grundausstattung jedes gut sortierten Kinderzimmers.

Eric Carle, geboren in den USA, aufgewachsen in Stuttgart, wird im Juni 90 Jahre alt. Sein Lebenswerk umfasst viel mehr als die Raupe Nimmersatt. Seit Freitag erzählt eine Ausstellung im hannoverschen Wilhelm-Busch-Museum davon, die in Zusammenarbeit mit dem Eric-Carle-Museum für Bilderbuchkunst in Amherst, Massachusetts, entstand. Farben und Kunst haben für Carle einen tieferen Sinn. Er hat sie als Schüler im finsteren Hitler-Deutschland zu schätzen gelernt. Später wollte er Zeichen setzen für die Kinder, die kurz davor stehen, vom behüteten Heim in die Schule zu müssen. Gerade mit seiner Raupe Nimmersatt, die zum Schmetterling wird. "Darin steckt eine Hoffnungsbotschaft: Ich kann auch groß werden. Ich kann meine Flügel auch ausbreiten und in die Welt fliegen", hat Carle in Interviews immer wieder gesagt.

Das Online-Magazin Mental Floss hat mal berichtet, die Raupe sei zunächst ein Bücherwurm gewesen. Carle kam auf die Idee, als er aus Langeweile Papiere mit einem Locher bearbeitete. "Ich sah die Löcher an und dachte direkt an einen Bücherwurm." Aber seine Lektorin fand den Bücherwurm unsympathisch. Sie dachten nach. Bald hatten beide eine Idee. "Raupe", sagte die Lektorin. "Schmetterling", sagte Eric Carle. Die Raupe Nimmersatt war geboren.