Kinderbetreuung Laissez-faire-Krippe

In Deutschlands Kitas herrscht ein strenges Zeitmanagement. Starre Öffnungszeiten machen für viele Eltern Beruf und Nachwuchs unvereinbar. Aus Frankreich kommt ein neues Modell.

Von Ulrike Heidenreich, Ulm

Das Ding ist 700 Quadratmeter groß. Viel Glas, viel Licht, viel Holz. Wie ein Ufo ist es gelandet oben auf dem Eselsberg, auf dem weiten Areal des Bundeswehrkrankenhauses Ulm. Drinnen stecken allerlei fröhliche, manchmal ziemlich müde Kinder, die in hübschen Korbbettchen schlafen dürfen. Eine echte Designer-Krippe ist das hier. Mit ihr versucht ein französischer Großkonzern, in Deutschland Fuß zu fassen: 128 Kindertagesstätten betreibt Sodexo bereits in Europa, und nun, seit Ende Oktober, die erste hierzulande. Es ist ein Pilotprojekt: eine Drei-Schichten-Kita, geöffnet von 6 Uhr morgens bis neun Uhr abends. Wer mag, könnte sein Kind hier 15 Stunden am Stück betreuen lassen, das hat aber bisher keine Mutter und kein Vater getan. Überhaupt ist es ein Vortasten für alle - für Eltern, Kinder und für die Franzosen, für die Deutschland in diesem Bereich ja beinahe als Entwicklungsland gilt.

Vielleicht ist das Ding auf dem Eselsberg ja ein Ausweg aus all dem Verkorksten in der Familienpolitik, den Erwartungen, an denen sich Eltern aufreiben, und den starren Regeln unter deutschen Kindergartendächern. Ein Konzern wie Sodexo mit 18 Milliarden Euro Gesamtumsatz sieht jedenfalls viel Potenzial (siehe nebenstehendes Interview). Und es dürfte kein Zufall sein, dass die oberste Dienstherrin ihres Vertragspartners, dem Bundeswehrkrankenhaus, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist. Vormals Familienministerin, hatte sie mit der Einführung des Elterngeldes ein Umdenken in der Kinderbetreuung eingeleitet.

Von Frankreich also, dem Land, das in Statistiken über Kinderzahl oder die Vereinbarkeit von Familie mit Beruf immer ganz oben landet, und in dem Mütter stets noch topschicke Ehefrauen sein können, gilt es zu lernen. Wie eine Blaupause haben die Sodexo-Manager sowohl die Kita-Baupläne wie auch die Erfahrungen mit der Kinderbetreuung im Ausland auf ihr erstes deutsches Projekt übertragen.

Die Ulmer Kita-Leiterin Sonja Schelkle, 42, hat eine Art Selbsterfahrungstrip durch französische Partner-Kindergärten absolviert. Zurückgekehrt ist die Erzieherin mit einer Standardantwort auf alle Bitten der Eltern: "Selbstverständlich!" - immer mit einem Lächeln. Denn alles geht selbstverständlich: Es gibt keine starren Bring- und Hol-Zeiten. Das morgendliche Gerenne, damit man die Kita erreicht, bevor dort die Türen schließen, bleibt Kindern wie Eltern erspart. Wird ein Kind mittags gebracht? Kein Problem, es muss nicht im Nebenraum warten, bis alle in Ruhe aufgegessen haben. "Es stört ja keinen, wir stellen einfach einen Teller mehr hin. Das ist wie zu Hause, wenn überraschend ein Gast kommt", sagt Schelkle.

Holz, Licht, Farbe: Das Bundeswehrkrankenhaus Ulm hat eine wahre Designer-Kita.

(Foto: Natalie Neomi Isser (4))

Für die Erzieherin, die 24 Jahre in städtischen und katholischen Kindergärten rigorosere Richtlinien erlebt hat, ist alles eine Frage der Haltung. "Auch für meine Kolleginnen und mich ist die Flexibilität ungewohnt, wir lernen noch." Es solle nirgendwo Druck ausgeübt werden, der wiederum schlechte Gefühle produziert - weder bei Kindern, noch bei Eltern. Wie einfach das funktionieren kann, zeigt diese Regel im Ulmer Kindergarten: Auch wenn abends nur noch ein einziges Kind im Haus ist, werden die Stühle nicht hochgestellt. Und die Erzieherin wartet nicht im Mantel und mit vorwurfsvollem Blick auf den zu spät kommenden Vater oder die mal wieder unorganisierte Mutter.

Es kommt oft vor, dass eine Krankenschwester aus dem OP-Saal anruft, dass es heute später werden könnte. Die Standardantwort am Kita-Telefon: "Kein Problem." Sarah Gritzan, 24, weiß das zu schätzen. Sie macht im Bundeswehrkrankenhaus eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Ihre Tochter Melina, 20 Monate, war vorher in einer "normalen" Kita. "Das war ein ewiges Gerödel, wer sie bringt und wer sie holt", sagt Gritzan. Denn ihre Frühschicht beginnt um 6.30 Uhr, fertig ist sie dann um 15 Uhr. Gerade in der Ausbildung müsse sie ein gewisses Maß an Stunden absolvieren, auch in Spät- und Normalschicht auf Station. Immer "Bitte nein" zu sagen, weil sie ein Kind habe, funktioniere da nicht

Sarah Gritzan hat Melina heute Morgen um 5 Uhr geweckt. "Sie bekommt das besser gedeichselt als ich, sie ist eine Frühaufsteherin", sagt die junge Mutter. Im Auto ist Melina eingeschlafen, in der Kita wartete dann die Frühaufsteher-Gruppe: vorlesen und kuscheln bei gedimmtem Licht und leiser Musik. Um 8 Uhr Frühstück, dann der Morgenkreis. Ein Anliegen ist den Kita-Betreibern der klar strukturierte Tagesablauf mit festen Ritualen, Schelkle sagt: "Wir gehen flexibel mit den Bedürfnissen der Eltern um, die Kinder aber müssen verlässlich wissen, was als nächstes kommt." Auch wenn sie, wie Melina, morgens bei Dunkelheit ankommen: "Manche Kinder sind putzmunter, manche halten dann ihren ersten Kurzschlaf."

642 300 Personen

arbeiteten im Jahr 2015 in deutschen Kindertagesstätten. Die Mehrheit der Mitarbeiter (85 Prozent) war als pädagogische Fachkraft oder in der Leitung tätig. Der Rest ist in der Verwaltung angestellt oder übernimmt hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Diese Zahlen nannte jüngst die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte.

Armin Kalinowski, der Chef der Bundeswehrklinik, war bei der Eröffnung voll des Lobes: Für die Eltern unter seinen Mitarbeitern, die in Schichtdienst tätig sind, sei diese betriebseigene Kita "ein wichtiger Schritt, die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern". Unumstritten sind diese Randzeiten-Kitas - manche öffnen sogar rund um die Uhr - allerdings nicht. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch etwa gibt zu bedenken: "Jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen zu müssen, ist physiologisch nicht ideal. Warum kann die Krankenschwester nicht konstant Mitteldienst haben, da würde man dem Kind und seinem Rhythmus die Priorität geben und nicht der Arbeitswelt der Eltern?" Kinder reagierten auf die Störung ihres Schlaf-Wach-Rhythmus empfindlicher als Erwachsene. "Das bringt die Kinder in Stress, zusätzlich dazu, dass in einer Kita, die in drei Schichten arbeitet, die Bezugspersonen häufig wechseln", sagt Brisch. Das Problem ist auch in der Ulmer Kita bekannt. Es wird versucht, dies mit straffer Organisation abzumildern. Bei 50 Kindern im Krippen- und Kindergartenalter und derzeit 17 Erzieherinnen, die sich in Schichten abwechseln, ein Puzzle. Während der Eingewöhnungszeit eines Kindes aber gelingt es, dass immer die gleiche Pädagogin als Bezugsperson da ist. Die Eltern werden angehalten, ihre Dienstpläne am 15. des Vormonats abzugeben, danach richten sich die Personalplanungen. Penibel wird in Übergabeprotokollen aufgeschrieben, wann ein Kind geschlafen hat, ob es sich wohlfühlt oder ob es gut gegessen hat. Der Personalschlüssel beträgt eins zu fünf bei Krippen- und eins zu acht bei Kindergartenkindern. Und so großzügig und luxuriös Ausstattung wie Architektur der Ulmer Kita wirken: Bezahlbar ist sie. Die Sätze richten sich nach den Gebühren der Stadt Ulm, je nach Einkommen sind es zwischen 70 bis 649 Euro pro Monat.

"Ich bin sehr entspannt - und mein Kind ist es auch," sagt eine Mutter

Die Flexibilität macht auch das Sharing von Kita-Plätzen möglich, oder Modelle wie jenes von Adriane Zallet, 34. Die Ehefrau eines Radiologen im Krankenhaus arbeitet nachmittags als Musiklehrerin und bringt ihre Tochter Amalia, 16 Monate, von 14 bis 19 Uhr in die Krippe. Nach gut einem Jahr Elternzeit zu Hause war es ihr schwer gefallen, die Tochter den Erzieherinnen anzuvertrauen, inzwischen sagt sie: "Das hier ist ein unschlagbares Konzept. Ich bin sehr entspannt - und mein Kind ist es auch."

Der Zweig der Kinderbetreuung ist innerhalb des Sodexo-Konzerns noch relativ jung, es gibt ihn seit 2003. Was der Konzern sonst so macht: Catering von Schulen und Firmen, Gebäudelogistik, Reinigungsservice, ja selbst Fitnesstrainer für Menschen, die auf Bohrinseln arbeiten, organisieren die Manager. Vielleicht ist es ja die kühle Professionalität, die dem Thema Kinderbetreuung eine andere Bodenhaftung geben kann. Wer Elterninitiativen kennt, in denen Mütter und Väter sich beim Kochen und Putzen die Köpfe heiß reden, fühlt sich auf dem Eselsberg wie in einer anderen Welt. Der Konzern hegt und pflegt sein neues Projekt, es ist ausbaufähig. Noch sagen sich die Kinder in der Füchse-, Hase-, Igel- und Spatzengruppe nicht gute Nacht. Aber das kommt vielleicht noch.