Kinderarmut in Deutschland:"Kinder gelten finanziell immer noch weitgehend als Privatsache"

Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm oder armutsgefährdet - zahlreiche Neuregelungen in den vergangenen Jahren haben Familien zwar geholfen, konnten einen Anstieg der Zahl armer Minderjähriger aber nicht verhindern.

Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm oder armutsgefährdet.

(Foto: Ute Grabowsky/Imago)

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren einiges unternommen, um die Kinderarmut zu verringern. Gelungen ist ihr das nicht, wie sich nun zeigt. Woran liegt das?

Von Barbara Galaktionow

Erhöhungen des Kindergeldes und der Hartz-IV-Sätze, Reformen beim Kinderzuschlag und dem Unterhaltsvorschuss, ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, damit Eltern arbeiten können - in den vergangenen zehn Jahren hat die Bundesregierung einiges unternommen, um Familien zu unterstützen und so auch die Zahl der Kinder zu verringern, die in Armut aufwachsen. Gelungen ist Letzteres damit nicht. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert deshalb das bestehende System der Sozialleistungen als zu ineffektiv.

In einer am Donnerstag veröffentlichten Studie vergleicht der Verband die Entwicklung der sogenannten relativen Einkommensarmut und der Bezüge von SGB-II-Leistungen, landläufig als Hartz IV bekannt, in den vergangenen zehn Jahren. Dabei zeigt sich, dass die Zahl der Mädchen und Jungen, die in Deutschland als arm oder armutsgefährdet gelten, fast kontinuierlich angestiegen ist - von 18,2 Prozent im Jahr 2010 auf 20,5 Prozent im Jahr 2019, der jüngsten verfügbaren Zahl des Statistischen Bundesamtes. Zuletzt lebten danach fast 2,8 Millionen Minderjährige in Armut, etwa 350 000 mehr als 2010.

Vor allem Kinder von Alleinerziehenden oder in kinderreichen Familien sind betroffen. Kinder und Jugendliche sind zudem häufiger arm als die Gesamtbevölkerung. Als arm gelten nach einer in der EU gängigen Definition Haushalte, die mit einem Einkommen auskommen müssen, das geringer ist als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Die Bundesregierung spricht hier noch von "armutsgefährdet".

"In den 2010er-Jahren gab es eine Phase der Prosperität, doch diese kommt bei der ärmeren Bevölkerung nicht an - insbesondere bei den Kindern nicht", sagt Andreas Aust, Referent für Sozialpolitik beim Paritätischen Verband. Arm zu sein, bedeutet für Mädchen und Jungen in Deutschland meist nicht, an Hunger zu leiden. Doch finanziell benachteiligte Kinder und Jugendliche haben zu Hause weniger Rückzugsraum, melden sich bei Schulausflügen häufiger krank oder können ihren Geburtstag seltener feiern. Sie fühlen sich häufig beschämt, ausgegrenzt und insgesamt unsicherer, wie eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zeigte.

Weniger Hartz-IV-Kinder - aber mehr Armut

Trotz der vermehrten Kinderarmut ist der Anteil der minderjährigen Hartz-IV-Bezieher zuletzt leicht gesunken - von 13,2 auf 12,9 Prozent im Jahr 2020, wie die Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zeigt. Eine positive Entwicklung? Nicht unbedingt. Die SGB-II-Schwelle steige langsamer als die Armutsschwelle - daher gebe es immer mehr Menschen, die zwar als arm gälten, aber keinen Anspruch auf Hartz IV hätten, erläutert Aust einen möglichen Grund für die Diskrepanz. Zum anderen könne es sein, dass bezugsberechtigte Familien Leistungen nicht in Anspruch nähmen - aus Scham oder Unwissenheit.

Möglicherweise empfinden Familien auch den Kinderzuschlag nach dessen Neuregelung als weniger stigmatisierende Leistung als Hartz IV. Im Corona-Jahr 2020 seien die Zahlen hier "geradezu explodiert" - während bei Hartz IV entgegen den Erwartungen sogar ein Rückgang zu verzeichnen war. Erhielten in den Jahren zuvor im Jahresdurchschnitt etwa 250 000 Kinder einen Kinderzuschlag, waren es 2020 mehr als 670 000. Konkrete Zahlen, wie sich Corona auf die Kinderarmut ausgewirkt hat, gibt es derzeit noch nicht.

Als wirkungsvoll nennt Aust auch die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses im Jahr 2015. Neben der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung sei sie wohl mit ein Grund dafür, dass die Kinderarmut in den östlichen Bundesländern sinke - ganz im Gegensatz zu den meisten westlichen.

Angesichts des allgemeinen Anstiegs der Kinderarmut kritisiert der Sozialverband die Leistungen aber als nicht effektiv genug. "Das Problem ist, dass Kinder finanziell immer noch weitgehend als Privatsache gelten", sagt Aust. Zudem seien "familienpolitische Leistungen breit gestreut und nicht auf die Familien konzentriert, die Unterstützung am meisten brauchen". Das heißt, Familien erhielten oft Leistungen, die sie gar nicht benötigten. Im Gegenzug nähmen Berechtigte Leistungen oft gar nicht in Anspruch, auch, weil das System zu unübersichtlich sei.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband drängt daher erneut auf die Einführung einer Kindergrundsicherung anstelle der bisherigen Systeme - eine Forderung, die er mit zahlreichen anderen sozialpolitischen Verbänden teilt. Auch SPD, Grüne und Linke setzen sich dafür ein.

© SZ/mcs
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