Süddeutsche Zeitung

Jugendarmut:Junge Menschen dürfen nicht verloren gehen

Die Pandemie erschwert denen das Leben zusätzlich, die ohnehin schwierigere Startbedingungen haben. Die Gesellschaft sollte nun ihre Sinne schärfen für Jugendliche in prekären Verhältnissen.

Kommentar von Edeltraud Rattenhuber

In der Pandemie mussten viele junge Menschen Träume begraben. Nach dem Abitur als Au-pair in die USA gehen? Keine Chance. Ein Praktikum bei einem Start-up? Schwierig. Freie Auswahl bei der Lehrstelle? Ist nicht mehr. Statt durchstarten heißt es jetzt oft: abwarten. Die Zukunft findet nicht statt.

Das ist traurig für jeden einzelnen. Und doch geht es jungen Erwachsenen, denen noch immer mehrere Optionen offenstehen, beinah glänzend im Vergleich zu benachteiligten jungen Menschen. Das sind Jugendliche, die wegen unhaltbarer Zustände aus ihren Familien genommen wurden und seitdem in Heimen und Pflegefamilien leben oder auf der Straße. Etwa 37 000 Menschen unter 27 Jahren haben in Deutschland keine Wohnung. Doch auch sie haben Träume. Wollen sie durchstarten, finden sie sich meist ganz am Ende der Verteilungskette wieder. Schließlich ist es eher unwahrscheinlich, dass ein Arbeitgeber einen Auszubildenden mit Drogenvergangenheit einstellt, wenn ihm eine lange Bewerberliste vorliegt.

Die Corona-Pandemie erschwert allen jungen Menschen, die ohnehin schwierigere Startbedingungen haben, das Leben zusätzlich, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit nun in ihrem Monitor Jugendarmut 2020 warnt. Sie haben meist keine Eltern, die sie unterstützen können. Und die Leistungen der Jugendhilfe enden in der Regel, sobald sie 18 sind. Wo andere die Option haben, weiter bei den Eltern zu wohnen, müssen sie aus dem Heim ausziehen. Der Abschied wird ihnen zwar erleichtert, denn verdienen sie Geld, während sie noch im Heim sind, müssen sie bis zu 75 Prozent davon an das Jugendamt abgeben - eine ungerechte Praxis, die viele noch mehr mit ihrem Schicksal hadern lässt; es ist daher verständlich, dass sie lieber draußen sind als drinnen. Doch dann stellen sich neue Probleme. Etwa: Wo wohnen?

Leistungen der Jugendhilfe sollten verlängert werden

Für diese jungen Menschen wäre ein Ausbildungsplatz wie ein Sechser im Lotto. Doch nicht selten liegt der buchstäblich außer Reichweite. Von Mecklenburg-Vorpommern oder Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg oder Bayern zu ziehen, schafft ein junger Mensch in der Regel nur mit Hilfe der Eltern oder Großeltern, wenn er überhaupt eine Wohnung findet. Wer aber für Kaution, Einrichtung und Umzug nicht aufkommen kann, bleibt außen vor. Es müsste ja jemand bürgen. Und auch die Reise zum Bewerbungsgespräch kann schnell zur unüberwindbaren Hürde werden. Zudem gibt es kaum Angebote, viele Betriebe stellen derzeit gar keine Auszubildenden ein.

Ältere kennen solche Krisen aus ihrer eigenen Jugend, wo eine Lehrstelle den Grundstein legen konnte für ein Leben in Wohlstand. Heutzutage garantiert eine abgeschlossene Ausbildung keine sorglose Zukunft mehr. Zu wechselhaft ist der Arbeitsmarkt geworden. Eine Ausbildung bot auch Menschen mit nicht geradlinigen Lebensläufen Chancen. Wenn diese wegfallen, sind sie die ersten, die Gefahr laufen abzustürzen. Die Corona-Krise sollte die Sinne schärfen für die Bedürfnisse von Jugendlichen in prekären Verhältnissen - und auch dafür, wie wichtig bezahlbare Wohnungen sind. Dass in der Krise noch mehr junge Menschen der Gesellschaft verloren gehen als ohnehin schon, darf nicht geduldet werden. Leistungen der Jugendhilfe sollten verlängert werden. Und dass junge Menschen für ihre Heimunterbringung mitaufkommen müssen, ist ohnehin ein Skandal.

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Quelle:
SZ vom 08.10.2020/bix/saul
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