bedeckt München

Umweltgifte:Eine "stille Pandemie"

Verschmutztes Wasser, Gefahr für das Leben: Kinder am verseuchten Yamuna-Fluss in Delhi. Weil dort unkontrolliert Industrie- und Privatabwässer eingeleitet werden, gilt der Fluss in der indischen Hauptstadt als "toter Fluss".

(Foto: CHANDAN KHANNA/AFP)

Die globale Umweltverschmutzung schädigt vor allem Kinder. Das Hilfswerk Terre des Hommes startet daher eine weltweite Kampagne. Ziel ist ein Recht der jungen Generation auf eine gesunde Umwelt.

Von Edeltraud Rattenhuber

Umweltgifte zerstören weltweit Leib und Leben. Und am härtesten treffen sie Kinder. Ihre Körper nehmen mehr Giftstoffe auf als die von Erwachsenen, denn im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht atmen sie mehr Luft ein und nehmen mehr Nahrung und Wasser zu sich. Und Grenzwerte, wenn es die überhaupt gibt, sind für sie viel zu hoch. Beispiele, wie Gifte Kinder schädigen, gibt es zuhauf. So sind etwa Fehlgeburten und Missbildungen in Brasilien und Argentinien dokumentiert, wo Agrarkonzerne großflächig Pestizide versprühen. Und in Frankreich fand man Leukämie-Cluster bei Kindern, die neben Weinbergen aufwachsen.

Was man auch meist feststellt: Keine Behörde will verantwortlich sein. Und Konzerne ignorieren und belügen die Betroffenen. Oder schlimmer noch, bedrohen sie mit dem Tod, wenn sie für ihre und die Rechte ihrer Kinder kämpfen.

Wie aber kann man diese Rechte stärken? Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes versucht dies nun mit einer internationalen Kampagne, die am Mittwoch gestartet wurde. "My Planet - my rights" hat das Ziel, das Recht von Kindern auf eine gesunde Umwelt durchzusetzen. "Kinder erleben, wie die Zerstörung des Weltklimas und von Ökosystemen ihre Zukunftschancen ruiniert", sagt Birte Kötter, die Vorstandssprecherin von Terre des Hommes Deutschland. "Deshalb wollen wir mit unserer Kampagne erreichen, dass das Recht der Kinder auf eine gesunde Umwelt in einem Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention verankert wird." Mittels einer Online-Petition werden Unterschriften gesammelt, die anschließend dem UN-Generalsekretär und dem Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen übergeben werden.

Laut Kötter wären die Unterzeichnerstaaten über das geforderte Zusatzprotokoll verpflichtet, ihre Umweltpolitik stärker auf das Kindeswohl auszurichten. Sie hofft darauf, dass sich die Staaten dieser Verpflichtung auch stellen. "Das wäre ein Meilenstein für die Lebenschancen zukünftiger Generationen", sagt sie.

Schon heute bezeichnen Kinderärzte die von Umweltgiften verursachten Krankheiten, Behinderungen und frühzeitigen Todesfälle von Kindern als "stille Pandemie". Daher trägt diesen Titel auch eine Studie, die zum Auftakt der Kampagne vom ehemaligen UN-Sonderberichterstatter zu Auswirkungen von Umweltverschmutzung auf die Menschenrechte, Baskut Tuncak, erstellt wurde. Die Fakten, die der Jurist und Chemiker unter anderem mit Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO, des Kinderhilfswerks Unicef und weiterer UN-Einrichtungen zusammengestellt hat, sind erschreckend. So sind etwa in Entwicklungs- und Schwellenländern 98 Prozent der unter Fünfjährigen starker Luftverschmutzung ausgesetzt. 600 000 Kinder weltweit kostet diese verseuchte Luft das Leben. Insgesamt stürben jedes Jahr 1,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren an umweltbedingten Krankheiten, sagte Tuncak bei der Vorstellung der Studie in Osnabrück. Neugeborene starteten überall auf der Welt mit Giftstoffen im Körper ins Leben. Gifte seien in der Muttermilch, in der Luft, im Spielzeug, in Möbeln, Baumaterial und Kleidung.

Plastik im Urin von Kindern - auch in Deutschland

Kraftwerke, Bergbau, Chemieanlagen, Färbereien, Landwirtschaft, Straßenverkehr, Abbrennen von Wäldern und die Verbrennung von Abfall erzeugen Giftstoffe, die Luft, Wasser und Böden belasten. Schwermetalle wie Blei, Quecksilber und Arsen, Pestizide und Phthalate, die in Plastik und Körperpflegeprodukten enthalten sind, schädigen die Gesundheit besonders. Laut Tuncak haben 800 Millionen Kinder viel zu hohe Bleiwerte im Blut. Aufgrund ihrer Lebensumstände sind laut der Untersuchung Kinder aus ärmeren Familien besonders belastet.

Gefährlich sind außerdem per- und polyfluorierte Verbindungen (PFAS), die sich unter anderem in Plastik, Kleidung, Farben, beschichteten Pfannen und Lebensmittelverpackungen finden. Vor diesen sind trotz hoher Umweltstandards auch die Kinder in Deutschland nicht gefeit. In Urinproben von mehr als 95 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland lassen sich mittlerweile elf Substanzen nachweisen, die aus Plastik stammen. 20 Prozent der Proben überstiegen die Grenzwerte für PFAS.

© SZ/odg

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite