Nordkorea und USA:Nervöse Debatte über Nuklearabschreckung

Diese Szenarien werden in Sicherheitskreisen heftig diskutiert, ein europäischer Beobachter kam unlängst verstört aus der US-Hauptstadt zurück und schrieb auf Twitter: "Krieg zwischen US und N Korea ist wahrscheinlicher, als viele Leute es glauben. Die Offiziellen glauben, dass Abschreckung gegen einen Verrückten nicht funktioniert."

Tatsächlich müssen zwei simple Fragen beantwortet werden: Wie berechenbar ist Nordkorea? Und geht es dem Regime wirklich nur um seinen Erhalt - oder hat der junge Kim große Pläne mit seinem kleinen Land? Präsident Trumps hysterische Reaktion auf Raketentests im vergangenen Sommer befeuerte in Japan und Südkorea die Sorge, dass sich die USA als Schutzmacht zurückziehen und Nordkoreas Übermacht ausliefern könnten.

Militärexperten halten ein Überrumpelungsszenario jedoch für wenig glaubwürdig. Nordkorea mag auf dem Papier 1,2 Millionen Mann unter Waffen halten, aber nur ein Bruchteil der konventionellen Streitmacht ist einsetzbar. Die Luftwaffe ist mit 770 Flugzeugen nach westlichen Geheimdiensterkenntnissen flügellahm, die Flugabwehr leicht auszuschalten. Von den 95 U-Booten und 700 Schiffen schwimmen nur die wenigsten.

Sorgen bereiten allein die 88 000 Spezialkräfte, die auf verheerende Angriffe gegen Südkorea, sogenannte Enthauptungsschläge, trainiert sind. Sie bedienen auch das Artillerie-Arsenal, mit dem sich Seoul binnen Stunden zerstören ließe. Zuletzt hat diese Einheit ihre Fähigkeiten im kriminellen Milieu bewiesen: Cyber-Erpressung, Devisenbeschaffung, Drogengeschäfte, Menschenraub. Ob das reicht? "Es handelt sich um eine zweigeteilte Armee mit kaum offensiven Fähigkeiten", heißt es in Geheimdienstkreisen.

McMaster scheint diese Einschätzung nicht unbedingt zu teilen, vor allem aber hat er in der Gemeinde der Atomexperten eine nervöse Debatte über die Glaubwürdigkeit der Nuklearabschreckung ausgelöst. Ivo Daalder, jahrelang US-Botschafter bei der Nato und Berater der Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama, sieht gewaltige Defizite. "Wir sind intellektuell auf dem Stand des letzten Jahrhunderts. Es gibt keine schlüssige Strategie", sagt er.

Diese Unsicherheit hat die diplomatische Maschinerie beschleunigt. An diesem Wochenende kehrt UN-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman aus Pjöngjang zurück. Seit 2011 war kein so hochrangiger UN-Diplomat mehr in Nordkorea. Und Russlands Außenminister Sergej Lawrow überbrachte beim OSZE-Treffen in Wien eine Botschaft an seinen US-Kollegen Rex Tillerson: Der Norden sei bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

"Freeze for freeze" - eine Lösung?

Verhandlungen? Exakt was soll bitte schön verhandelt werden? Die USA haben bereits über diverse Sprecher mitgeteilt, dass es nicht weniger als die nukleare Entwaffnung geben könne. Pjöngjang hat indes Großes im Sinn und will nicht nur als Nuklearmacht anerkannt werden, sondern auch noch einen Friedensvertrag zur offiziellen Beendigung des Koreakrieges inklusive Abzug der US-Truppen, Wiedergutmachung und Aufhebung aller Sanktionen erwirken. Im Gegenzug könnte die Welt mit einem Teststopp rechnen.

McMasters wahre Absichten kennt die Welt nicht. Die seines Präsidenten sowieso nicht. Washingtons Blick geht jetzt nach Peking. Dort werden die gemeinsam verhängten Sanktionen gegen Nordkorea zwar akzeptiert, aber Washington misstraut China bei der Umsetzung. Neue Strafen sind in Vorbereitung, die komplette Abriegelung des Landes, ein komplettes Ölembargo, ein Ausfuhrverbot für so ziemlich alles.

Dann könnte verhandelt werden. "Freeze for freeze" heißt eine Formel - Nordkorea stoppt die Raketentests, die USA stoppen die Eskalation. Washington reicht die Formel indes nicht, im Kern geht es nicht um Raketen, sondern um Kernwaffen und die Gefahr, dass Nordkorea als Händler von Massenvernichtungswaffen auftreten könnte. Außerdem: Wie soll ein Entwicklungsstopp überprüft werden? Das Iran-Drama ist dabei allgegenwärtig, übrigens auch die Unberechenbarkeit der Trump-Regierung bei der Einhaltung des Nuklearabkommens mit Teheran.

Wie der Nervenpoker endet, ist offen. Je glaubwürdiger die US-Angriffsdrohung, desto höher die Chance auf Gespräche. Seit dem Test am 29. November weiß Nordkorea jedenfalls: Die nächste Rakete könnte vor ihrem Start am Boden zerstört werden. Von einer amerikanischen Lenkwaffe.

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