Kim Jong Uns Nordkorea:Viele Waffen, wenig zu beißen

North Korea's artillery sub-units, whose mission is to strike Daeyeonpyeong island and Baengnyeong island of South Korea, conduct a live shell firing drill in the western sector of the front line

Machtdemonstration: Nordkoreanische Artillerie legt eine Felseninsel vor der Küste in Schutt und Asche.

(Foto: REUTERS)

Diktator Kim Jong Un lässt Krieg üben, sein Regime droht Südkorea und den USA. Seoul beibt trotzdem gelassen, denn Kims Armee soll zwar groß, aber nicht kampfbereit sein. Sogar von massiv unterernährten Soldaten ist die Rede.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Nordkorea übt den Krieg: Seit die USA und Südkorea am Montag gemeinsame Seemanöver begonnen haben, lässt es täglich 700 Kampfflugzeuge zu Aufklärungsflügen aufsteigen; sieben Mal mehr als sonst. Es hat Langstreckenraketen in Stellung gebracht und große Manöver angekündigt.

Zuletzt gerät die umstrittene Seegrenze in den Fokus: Kim Jong Un besuchte Artillerieeinheiten nahe der Grenze im Gelben Meer und kommandierte dort Schießübungen, wie die Staatsmedien am Donnerstag berichteten. Ziel des Manövers sei gewesen, die Zerstörung von Militärstützpunkten auf den südkoreanischen Inseln Baengnyong und Yonpyong zu üben. Südkoreas Ministerpräsident Chung Hong Won seinerseits besuchte am Donnerstag die Insel Yonpyong, die im November 2010 Ziel eines Beschusses durch Nordkoreas Küstenartillerie gewesen war.

Vor allem aber verschreckt Pjöngjang die Welt mit seiner Rhetorik der Massenvernichtung. Doch in Seoul, dem ersten Ziel einer Attacke, reagiert man gelassen. "Hunde, die bellen, beißen nicht", spottete ein Beamter im südkoreanischen Verteidigungsministerium. Experten in Seoul rechnen mit verbalem Beschuss mindestens bis zum 15. April, dem Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung. Er diene der Binnenpropaganda, zudem versuche "Nordkorea, psychologisch Druck auf Südkorea auszuüben", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministers in Seoul.

Viel Kriegsgerät, doch: Ist es einsatzbereit?

Provokationen, auf die Südkorea militärisch antworten könnte, seien unwahrscheinlich. Und wenn, dann höchstens als Nadelstich gegen ein U-Boot oder eine Patrouille. Den Großkrieg, mit dem Pjöngjang täglich droht, schließt man in Seoul fast aus. Kim Jong Uns Armee wäre dazu wahrscheinlich gar nicht in der Lage. Zwar verfügt Nordkorea über eines der größten Heere der Welt, 1,1 Millionen stehen unter Waffen. Dazu kommen acht Millionen Reservisten. Junge Nordkoreaner leisten zehn Jahre Wehrdienst. Die Luftwaffe verfügt über fast 1700 Flugzeuge, die Marine über 700 Schiffe, darunter 70 U-Boote. Und das Heer hat 5400 Panzer. Doch niemand außerhalb des Führungsstabs weiß, wie einsatzbereit diese Armee ist.

Der japanische Journalist Jiro Ishimaru, der in Nordkorea ein heimliches Netz von Bürgerjournalisten betreibt, veröffentlichte voriges Jahr Videos massiv unterernährter Soldaten, die viel zu kurz gewachsen sind. Er sagt, sie hätten anders als die meisten Nordkoreaner nichts, das sie klauen und auf dem Schwarzmarkt verkaufen könnten. Ishimaru kann auch belegen, wie westliche Medien Militär-Bilder aus Nordkorea zuspitzen, um die Armee gefährlicher erscheinen lassen. Damit spielten sie dem Regime in die Hand - und den Falken in Washington, sagt er. Jedes Mal, wenn Nordkorea belle, steige die Akzeptanz der US-Stützpunkte in Japan und Südkorea.

Das Militär, ein Staat im Staate

Die schlechte Versorgung macht nicht bei der Ernährung halt. Der Armee fehlt auch Benzin. Die 1700 Militärflugzeuge, von denen ein großer Teil ohnehin veraltet ist, bleiben meist am Boden. Verlässliche Angaben gibt es nicht, aber man schätzt, ein nordkoreanischer Militärpilot komme auf jährlich nur 15 bis 25 Flugstunden. Wenn im Rahmen der Drohgebärden jetzt mehr geflogen wird, verschwendet Kim damit seine kargen Benzinvorräte. Der US-Thinktank Globalsecurity.org hält Nordkoreas Luftwaffe für "kaum fähig, den nordkoreanischen Luftraum zu verteidigen" und "limitiert in der Lage, Angriffe gegen Südkorea" zu fliegen. Mehr nicht.

Anders als Kims Atomwaffen finden seine Programme für chemische und Bio-Waffen international kaum Beachtung. Auch hier muss man sich mit Schätzungen begnügen; die Geheimdienste glauben, Pjöngjang lagere in etwa 170 Tunnels mehrere hundert Tonnen dieser Massenvernichtungswaffen. In Nordkorea war das Militär stets ein Staat im Staate, es verfügt über eigene Fabriken, eigene Landwirtschaftsbetriebe und angeblich über eine eigene Schmuggelorganisation. Aber diese separate Wirtschaft wird weniger zur Verbesserung der Versorgung des Heeres genutzt, eher zur Bereicherung der Offiziere.

Die südkoreanische Armee verfügt über etwa die halbe Truppenstärke ihres Gegners, ist aber weit moderner gerüstet. Allerdings wird ihr immer wieder vergeworfen, sie sei nicht kampfbereit, sie nehme ihre Aufgabe zu wenig ernst und verheddere sich in Skandalen. Dafür weiß sie die US-Streitkräfte hinter sich. In jedem Fall jedoch würde ein zweiter Korea-Krieg Seoul und der koreanischen Wirtschaft schwere Schäden zufügen.

Viel eher glaubt man in Seoul, der Hund belle nur. Obwohl Pjöngjang mehrfach angekündigt hatte, die direkte Telefonleitung zwischen den beiden Armeen zu kappen, funktioniert sie noch. Selbst Nordkoreas Grenzsoldaten erwarteten keinen Krieg, schreibt die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap. Die Zahl der Soldaten, die unentschuldigt der Truppe fern bleibe, sei im Vergleich zum Vorjahr um das Siebenfache gestiegen - das wäre nicht denkbar, wenn sich Nordkorea tatsächlich auf einen Krieg vorbereitete.

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