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Kim Jong-un:Der Tyrann macht eine Kehrtwende

  • Nordkoreas Diktator Kim Jong-un verblüfft mit seiner Charmeoffensive die Welt.
  • Für die Südkoreaner ist Kim vom Bomben werfenden Cartoon-Ungeheuer zum Menschen geworden.
  • Für seine diplomatische Kehrtwende hätte Kim viele Gründe, allen voran diesen: Die Nordkoreaner wollen ein besseres Leben.

Seit Jahresbeginn macht der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un in atemberaubendem Tempo diplomatische Avancen. An diesem Wochenende legte er kräftig nach: Nordkorea werde sein Atomtestgelände in Punggye-ri im Mai definitiv schließen, gab der Sprecher des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in am Sonntag bekannt. Dazu werde Nordkorea Wissenschaftler und Journalisten aus den USA und aus Südkorea einladen.

Beim Gipfel zwischen Kim und Moon am Freitag war es noch vor allem um Symbolik und koreanische Nostalgie gegangen. Zugleich erklärte Kim sich - allerdings unspezifiziert - zur kompletten Denuklearisierung bereit. Die Welt rätselt seither, warum.

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Für die Südkoreaner ist Kim jedenfalls vom Bomben werfenden Cartoon-Ungeheuer zum Menschen geworden. Auf dem Gipfel haben sie ihn erstmals ausführlich sprechen gehört. Er wirkte verbindlich, emotional, mal ernst, mal witzig, auch selbstironisch. So hat er viele Südkoreaner für sich eingenommen. Auch in Nordkorea grenzt der Diktator sich gegen seinen Vater und Großvater ab, die vor ihm an der Macht waren.

Gewiss, auch Kim Jong-un ist ein totalitärer Diktator, die Nordkoreaner sind ihm ausgeliefert. Aber anders als die beiden älteren Kims tritt er auch dort als Mensch auf. Die bisher propagierte Pseudoreligion zeichnete Vater und Großvater dagegen als Halbgötter und Übermenschen. Dazu machte die Propaganda Anleihen aus der Bibel: Bei der Geburt von Vater Jong-il am heiligen Berg Paektu sei ein neuer Stern am Himmel aufgetaucht. In Wirklichkeit wurde Kim Jong-il im sowjetischen Exil geboren.

Die nordkoreanischen Medien zeigen Kim Jong-un als modernen, urbanen Mann, der mit seiner Frau auftritt, Pop-Konzerte besucht, Achterbahn fährt. Auch vom System des Vaters entfernt er sich schrittchenweise. Der Vater stützte sich auf "Songun", "die Armee zuerst". Kim Jong-un machte daraus "Byungjin", das stand für die Parallelentwicklung von Waffen und Wirtschaft. Im November erklärte er Byungjin für beendet. Das Atomprogramm sei abgeschlossen, nun werde er sich auf die Wirtschaft konzentrieren.