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Kim Jong Un in Nordkorea:Böser Onkel

Still image from video of North Korean leader Kim Jong Un attending a mass indoor memorial rally in Pyongyang

Kim Jong Un, Machthaber in Nordkorea

(Foto: Reuters)

Mit der Verhaftung und Exekution seines einflussreichen Onkels hat Nordkoreas Diktator ein Exempel statuiert. Kim Jong Un geht damit ein großes Risiko ein - er muss zugeben, dass er Feinde hat.

Eine Außenansicht von Rüdiger Frank

Rüdiger Frank, 43, kennt Nordkorea wie kaum ein anderer Ausländer: 1990/91 studierte er in Pjöngjang, seitdem reist er häufig in das Land. Frank ist Professor für ostasiatische Wirtschaft und Gesellschaft in Wien.

Kim Jong Un hat also seinen angeheirateten Onkel beseitigt. Der 1949 geborene Jang Song Thaek war nicht irgendjemand, sondern der Schwager von Kim Jong Il. Er wurde von den westlichen Medien als einer der einflussreichsten Männer in der nordkoreanischen Führung gehandelt, gelegentlich auch als Mentor und Regent. Dass eine solche Person aller Ämter enthoben, vor ein Tribunal gestellt und hingerichtet wird, ist allein schon ungewöhnlich und bemerkenswert.

Was jedoch besonders hervorsticht und auch erhebliche Fragen aufwirft, ist die Art und Weise, in der dies geschehen ist. Die öffentliche und detaillierte Abrechnung mit Jang ist einzigartig zu nennen. Mindestens seit einem Vierteljahrhundert ist Derartiges in Nordkorea noch nicht vorgefallen. Gelegentlich verschwand einmal jemand, wurde gar aus den Medien getilgt, und es gab Gerüchte über Gründe und Art der Bestrafung. Doch dies ist eine neue Dimension, die sehr an die innerparteilichen Kämpfe Mitte der 1950er-Jahre erinnert.

Als sich der Staats- und Dynastiegründer Kim Il Sung auf seiner ersten Europareise unter anderem in der DDR befand, versuchten die Reste der einst mächtigen von China und der Sowjetunion unterstützten Fraktionen in der Partei, den vom Partisanenführer zum Herrscher Nordkoreas aufgestiegenen Mann zu stürzen. Sie scheiterten, und auf die Säuberungswelle folgte eine lange Phase der Grabesstille. Es dauerte trotzdem bis 1984, bis Kim Il Sung erneut eine solche Reise wagte.

Exempel an einem Häretiker

Kim Jong Un wollte eindeutig ein Exempel statuieren und ist damit ein erhebliches Risiko eingegangen. Er hat de facto öffentlich eingestanden, dass der oberste Führer, eigentlich eine unantastbare und nie infrage gestellte Autorität, in der innersten Führung Opponenten hat. Für viele Menschen in Nordkorea war es bis dahin nicht einmal eine denkbare Option, seine Befehle zu missachten. Jang hat das gewagt, und zwar nicht als Tat eines einzelnen Verwirrten - sondern laut Anklage als Anführer einer ganzen Gruppe von Häretikern.

Die öffentliche Abrechnung musste also das Risiko wert sein. Die Zielgruppe für die damit verbundene Nachricht war sicher nicht die innere Führung, denn die hätte man auch bei einem internen Treffen erreichen können. Auch bei verletzten persönlichen Eitelkeiten wäre die Bestrafung sicher hart, aber weniger öffentlich ausgefallen. Nein, die Adressaten waren in diesem Fall entweder das Ausland oder die gesamte einheimische Bevölkerung, vielleicht auch beide.

Wenn man die vielen direkten und indirekten Bezüge zu China in der Anklage liest, dann kann man darüber spekulieren, ob die 80 Personen starke chinesische Botschaft in Pjöngjang vielleicht ein wenig zu eifrig ihre Kontakte in die Führung Nordkoreas ausgebaut hat. Es wäre, wie gezeigt, nicht das erste Mal gewesen, und nach den Drohgebärden und Kriegsspielen vom Frühjahr auch durchaus denkbar. China will an seiner Nordostgrenze Ruhe haben - und die USA und Japan nicht permanent einladen, ihre militärische Präsenz in der Region zu stärken.

Ein Spiel, das der Diktator nicht gewinnen kann

Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die Wirtschaft. Seit seiner Machtübernahme Ende 2011 hat Kim Jong Un vor allem Geld versprochen und es auch mit beiden Händen ausgegeben. Er begann mit der Verheißung eines gesteigerten Lebensniveaus durch symbolische Handlungen und Slogans. Erste Belege waren renovierte oder neu eröffnete Vergnügungsparks einschließlich eines Delfinariums in Pjöngjang. Das gesamte Land erlebt derzeit einen Bauboom, wie es ihn seit 20 Jahren nicht gab. Das Lebensniveau wächst.

Aber wo kommt eigentlich das Geld dafür her? Woher kommt der Treibstoff für die Autos, wenn das Land keine eigenen Erdölvorkommen hat? Woher nimmt man den Strom für all die neuen Klimaanlagen und die Heizstrahler, wenn man doch das bekannte nächtliche Satellitenbild Koreas vor Augen hat, auf dem die nördliche Hälfte in fast völlige Dunkelheit gehüllt ist? Wie wird das zusätzliche Schuljahr finanziert, das Kim Jong Un im September 2012 den Millionen Jugendlichen seines Landes großzügig geschenkt hat? Und woher nimmt eigentlich die mehrere Millionen Menschen zählende neue Mittelschicht die Devisen für ihren steigenden Konsum, ihre Handys und Restaurantbesuche?

Unterhaltung und Wohnungsbau sind ebenso unproduktiv wie Verteidigungsausgaben, solange die Preise aus politischen Gründen weit unter den Kosten liegen. Explodierender Konsum in einem Entwicklungsland ist gefährlich, weil die Ressourcen ja besonders knapp sind und eigentlich für Investitionen gebraucht würden. Kim Jong Un scheint sich auf ein Spiel eingelassen zu haben, das er mit dem vorhandenen Wirtschaftssystem nicht gewinnen kann.

Berichte über Goldverkäufe

Der plötzlichen und massiven Steigerung der Staatsausgaben seit Anfang 2012 steht keine erkennbare Erhöhung bei den Einnahmen gegenüber. Üblicherweise würde so etwas zu mehr Staatsverschuldung führen, doch dieser Weg ist Nordkorea weitgehend verschlossen. Das Land unterhält keine Kontakte zu Kapitalmärkten. Die einzige logische Erklärung ist, dass Nordkorea von seinen Reserven zehrt. Berichte über Goldverkäufe seit September 2013 sind zwar nicht neu, in diesem Kontext aber alarmierend.

Die Geschichte kann hier als Lehrmeister dienen. Erich Honecker zum Beispiel betrieb von 1971 an die sogenannte Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das hieß: dauerhaftes Ausgeben größerer Geldbeträge für Sozialpolitik, aber ohne zugleich stabile Einnahmequellen aufzubauen - und dies wiederum gepaart mit der Schaffung von immer schwerer erfüllbaren Erwartungen. Die DDR führte das in die Pleite. Über die Konsequenzen im Fall Nordkoreas möchte man überhaupt nicht nachdenken; hier würde ein Land mit Atomwaffen und einer einsatzbereiten Armee implodieren.

Vielleicht soll Onkel Jang einfach nur der Sündenbock für kommende Engpässe sein, die ohne Reformen nahezu zwangsläufig sind. Womöglich hat Kim Jong Un aber auch die Lage erkannt und steuert nach dieser Säuberung und der entsprechenden Stärkung seiner Person eine autoritäre Entwicklungsdiktatur an, nach dem Vorbild des Vaters der heutigen Präsidentin Südkoreas- endlich, möchte man sagen. Was dabei gelingt, könnte er als sein Verdienst ausweisen; Probleme hingegen könnten als Spätfolgen des destruktiven Treibens der Sektierer dargestellt werden. Die öffentliche Abrechnung mit Jang wäre dann das innenpolitische Pendant zur im Frühjahr erfolgten Demonstration der Stärke nach außen.

© SZ vom 18.12.2013/jasch

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