Kim Jong Il in Russland Betteln beim reichen Nachbarn

Sein hungerndes Volk ist nicht der einzige Grund, warum Nordkoreas Machthaber nach Russland gereist ist: Kim Jong Il will bei Präsident Dmitrij Medwedjew für die geplante Machtübergabe an seinen Sohn werben. Russland hat andere Interessen: Der Erdgas-Konzern Gazprom plant eine Pipeline durch Nordkorea.

Von Christoph Neidhart

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il ist mit seinem Sonderzug in Russland unterwegs - erstmals seit neun Jahren wieder. Offiziell ist kaum etwas bekannt über den Besuch, der am Wochenende begonnen hatte. Doch nun verlautete, Kim werde sich am Mittwoch in Ulan-Ude, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien, mit Präsident Dmitrij Medwedjew treffen. Für Kim ist das Treffen wichtig - und gewissermaßen eine Rückkehr zu einer alten Politik.

Erster Russland-Besuch nach fast zehn Jahren: Kim Jong Il am Bahnhof von Nowobureiskij zwischen Chabarowsk und Blagoweschtschensk.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Untergang der Sowjetunion hatte Nordkorea versucht, ohne seine frühere Schutzmacht auszukommen. Dabei setzte Pjöngjang zunächst darauf, seine enge Anlehnung an Peking mit guten Kontakten nach Tokio auszubalancieren; dann strebte Nordkorea eine Annäherung an Seoul an und ließ sich dafür jeweils mit großzügiger Wirtschaftshilfe belohnen. Dennoch fürchtet Nordkorea weiterhin, zu sehr von China abhängig zu werden. Diese Ängste haben den isolierten Diktator bewogen, sich wieder Moskau anzunähern. Und auch dorthin hat Kim einige Wünsche mitgebracht.

Über die Motive und den Zeitpunkt von Kims Reise wird wie immer gerätselt. Sicher wird er Moskau um Nahrungsmittelhilfe bitten. Nordkoreas Landwirtschaft ist selbst in ihren besten Jahren kaum in der Lage, die 24 Millionen Einwohner zu ernähren. Ihre Methoden sind veraltet, ihre Erträge gering. Nun herrscht offenbar wieder weit verbreiteter Hunger im Land. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms ist jedes dritte Kind dort unterernährt. Erst kürzlich hat die EU 14,5 Millionen Dollar Hilfe bewilligt.

Die Notlage wird verschärft durch einen Streit mit Südkorea. Der südliche Nachbar, der den Norden bis 2008 mit 500.000 Tonnen Reis und 300.000 Tonnen Kunstdünger pro Jahr unterstützte, hat fast alle Hilfe eingestellt, seit der Norden die Sechs-Nationen-Gespräche in Peking zur nuklearen Abrüstung platzen ließ. Der Untergang des südkoreanischen Patrouillenbootes Cheonan im Gelben Meer, den Seoul dem Norden anlastet, und der Artillerie-Beschuss der von Südkorea kontrollierten Insel Yeonpyeong vergangenen Herbst haben Seouls Haltung verhärtet. So prophezeit der südkoreanische Korea Herald, substantielle Hilfe könne von Seoul erst wieder erwartet werden, wenn Pjöngjang sich für die Zwischenfälle entschuldige.

Zuletzt hatte Nordkoreas Propaganda mildere Töne angeschlagen. Sie verzichtete darauf, Südkoreas Präsident Lee Myung Bak zu verunglimpfen. Andererseits droht der Norden, die Tourismus-Anlagen des Südens am heiligen Kumgang-Berg zu enteignen. Diese wurden während der Annäherung vor einigen Jahren von südkoreanischen Firmen ausschließlich für südkoreanische Gäste gebaut und betrieben. Doch sind die Anlagen seit drei Jahren unbenutzt.

Um auf die Sorgen Nordkoreas einzugehen, hat Russland bereits vor Kims Besuch 50.000 Tonnen Getreide-Hilfe versprochen. Doch ist der Staatsbesuch nicht nur eine Betteltour. Kim dürfte auch versuchen, Moskau die Machtübergabe an seinen Sohn Kim Jong Un schmackhaft zu machen.

Russland will Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Südkorea exportieren

Die Russen hingen wollen mit Nordkorea in einem anderen Bereich Geschäfte machen: Der Erdgas-Konzern Gazprom plant eine Pipeline durch Nord- nach Südkorea. Zwar ist das Projekt nicht neu. Schon vor drei Jahren hatten sich Moskau und Seoul darauf verständigt, dass Russland pro Jahr zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Südkorea exportieren soll. Doch wegen des atomaren Säbelrasselns des Nordens war das Projekt auf Eis gelegt worden. Moskau will dem Norden nun für seine Einwilligung Energiehilfe anbieten. Außerdem dürfte der unter Devisenmangel leidende Norden pro Jahr 100 Millionen Dollar Erdgas-Transitgebühren erhalten. Gazprom-Vizepräsident Alexander Ananenkow hatte Anfang Juli in Pjöngjang mit Nordkoreas Vize-Premier Kang Sok Ju über die Pipeline verhandelt. Kang begleitet Kim nun auf seiner Reise nach Ulan-Ude.

Allerdings heißt es aus Russland, dass Moskau die Pipeline nur bauen werde, wenn Pjöngjang mit der nuklearen Abrüstung vorankomme. So werden sich die beiden Staatschefs auch zwei weiteren Themen zuwenden: einer Verlängerung der Transsibirischen Eisenbahn durch Nord- nach Südkorea; zudem will Kim Russland dazu drängen, in eine ökonomische Sonderzone im äußersten Nordosten seines Landes zu investieren.