Für die Menschen in Kiew hat Ruhe immer etwas Bedrohliches. Ruhe erleben sie als Ankündigung neuen Schreckens. Auch diesmal hat dieses grauenhafte Gefühl nicht getrogen. Zwei Wochen hatte sich Russland mit Luftangriffen auf die Ukraine zurückgehalten – um jetzt umso härter zuzuschlagen.
74 Raketen und 496 Drohnen hat die russische Armee bei ihrem Großangriff in der Nacht nach Angaben der Ukraine eingesetzt. Es war einer der schwersten seit längerer Zeit. Die Luftabwehr habe davon zwar 48 Raketen und 476 Drohnen abfangen können, teilt die ukrainische Luftabwehr mit. 25 Raketen und zwölf Drohnen seien aber an 33 Stellen eingeschlagen.

Hauptziel des Angriffs war, bereits zum fünften Mal in Folge, die Hauptstadt. Der in Kiew lebende Journalist Denis Trubetskoy schrieb auf X, in dieser Nacht habe es in der Stadt „mit 11 Stunden 13 Sekunden den längsten Luftalarm bisher“ im Krieg gegeben. Nach einer nur kurzen Pause wurde auch am frühen Morgen wieder Alarm ausgelöst. Nach Angaben der Behörden gab es mindestens 20 Tote und mehr als 80 Verletzte.
Auf Bildern von den Einschlagsorten ist viel Zerstörung zu erkennen. Mehrstöckige Wohnblocks, eindeutig zivile Ziele, liegen in Schutt und Asche. Auch ein Hotel im Zentrum Kiews ging in Flammen auf. Getroffen hat es auch den Verwaltungsbezirk Darnyzkyj im Südosten der Hauptstadt, eine Rakete hat dort vor einem Wohnblock den Erdboden aufgerissen, der Einschlagkrater ist mehrere Meter tief.

Laut einem Bericht des Kyiv Independent suchten verängstigte Bewohnerinnen und Bewohner Kiews in U-Bahn-Stationen Zuflucht. Viele von ihnen hätten dort Zelte aufgeschlagen, um die Nacht geschützt unter der Erde zu verbringen.
Auch in anderen Städten der Ukraine – darunter Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie Sumy und Charkiw im Nordosten des Landes – gab es Explosionen.
Wolodimir Selenskij forderte angesichts der Angriffe schnellere Hilfen für die Flugabwehr. „Der Nachschub an Flugabwehr für die Ukraine hat eine absolute und kritische Priorität“, erklärte der ukrainische Präsident. Wichtig sei jeder Beitrag zum sogenannten PURL-Programm, bei dem Nato-Staaten Waffen in den USA kaufen und an die Ukraine übergeben. Die Vereinbarungen zur Produktion neuer Abfangsysteme für ballistische Raketen müssten vorangetrieben werden. Selenskij hofft auch darauf, dass die USA der Ukraine den Bau von Patriot-Abwehrraketen in Lizenz erlauben.
Mit Material der Agenturen.

