Russland hat mit den bisher umfangreichsten Luftangriffen auf die Ukraine schwere Schäden im ganzen Land angerichtet. Selbst der Sitz des Ministerrates des besonders gut gesicherten Regierungsviertels am Maidan-Platz in Kiew wurde Sonntagfrüh getroffen. Flammen stiegen auf, bis die Feuerwehr den Brand löschte.
Auch aus den Städten Odessa, Krywyj Rih und Saporischschja wurden teils schwere Treffer gemeldet. Drei Menschen, darunter ein Kleinkind, seien in der Ukraine getötet und 18 weitere verletzt worden, teilten die Behörden mit. In der zwischen Dnipro und Kiew am Fluss Dnjepr gelegenen Stadt Krementschuk wurde die zentrale, über den Fluss führende Auto- und Eisenbahnbrücke offenbar von zwei Shahed-Drohnen oder Raketen getroffen und schwer beschädigt. Der Verkehr wurde dem Bürgermeister zufolge eingestellt.
Ein gezielter Angriff auf das Gebäude des Ministerrates – oder ein Zufallstreffer?
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland 810 Shahed-Kamikazedrohnen, neun Iskander-K-Raketen und vier ballistische Raketen des Typs Iskander-M oder KN-23 auf die Ukraine. 747 der Drohnen und vier Raketen seien abgewehrt worden, doch 54 bombenbestückte Drohnen und neun Raketen hätten an 33 Orten der Ukraine Ziele getroffen, an weiteren acht Stellen seien Trümmer abgeschossener Drohnen oder Raketen eingeschlagen, so die Luftwaffe.


„Russland schließt sich immer mehr in der Logik des Krieges und des Terrors ein“, kommentierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Angriffe. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha sprach auf X von einem bewussten russischen Angriff auf das Ministergebäude und einer„schweren Eskalation“ durch die Russen.
Allerdings steht bisher nicht fest, ob es sich tatsächlich um einen gezielten Angriff handelte. Das Gebäude, in dem der Ministerpräsident und viele weitere Offizielle ihre Büros haben, gehört möglicherweise zu den Zufallstreffern. Der Bau ist nur wenige Hundert Meter vom Parlament und dem Amtssitz des Präsidenten entfernt.
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb auf seinem Telegram-Kanal: „Als Resultat des wahrscheinlichen Abschusses einer Drohne brach ein Feuer in einem Regierungsgebäude aus.“ In diesem Fall wären die Trümmer der abgeschossenen Drohne mit intaktem Sprengstoff beim Aufprall explodiert und hätten unter anderem das Dach und obere Etagen des Gebäudes in Flammen aufgehen lassen.
Schwarzer Rauch zog über den Maidan-Platz, ein Reuters-Fotograf hielt fest, wie ein Löschhubschrauber Wasser über dem Gebäude abließ. Am späten Vormittag schien das Feuer gelöscht zu sein.

Unabhängig davon, ob das Ministergebäude gezielt oder durch Trümmer getroffen wurde, zeigt der Vorfall, dass russische Raketen oder Drohnen mittlerweile den Abwehrring aus Patriot- oder Iris-T-Abwehrraketen und anderen Luftabwehrsystemen rund um Kiew durchdringen und bis ins Regierungsviertel vordringen können. Es ist der erste derartige Treffer seit Beginn der Großinvasion am 24. Februar 2022.
US-Präsident Trump sieht sich nach eigenen Angaben zu weiteren Russland-Sanktionen in der Lage
Trümmer abgeschossener Drohnen oder Drohnen selbst schlugen auch in mehreren Wohnblocks etwa im Kiewer Stadtteil Swjatoschyn ein. Bürgermeister Klitschko zufolge wurden mehrere Etagen eines neunstöckigen Wohngebäudes zerstört.


„Solche Tötungen, besonders jetzt, da echte Diplomatie vor Langem hätte starten können, sind bewusste Verbrechen, die den Krieg nur verlängern“, kritisierte Präsident Wolodimir Selenskij die Angriffe. „Das ist ein klares Zeichen, dass Putin die Welt auf die Probe stellt, ob sie das akzeptiert und ob sie sich damit abfindet“, sagte der Staatschef in seiner abendlichen Videobotschaft. Zuletzt hatte etwa Russlands Generalstabschef öffentlich bekräftigt, der Krieg werde weitergeführt. Die ukrainische Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko forderte auf X, die westlichen Partner der Ukraine müssten vor allem gegen Russlands Öl- und Gasindustrie die Sanktionen verschärfen.
„Russland will keinen Frieden-für-Land-Deal, sondern zeigt täglich seine Vernichtungsabsicht“, sagte der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter der Süddeutschen Zeitung. „Statt auf völlig unrealistische Verhandlungen und einen Waffenstillstand zu hoffen und somit Zeit durch kontraproduktive Pseudoverhandlungen zu vergeuden, sollte vor allem Deutschland sich ein Beispiel an den nordischen und baltischen Ländern nehmen“, forderte er. Dazu gehöre unter anderem, die militärische und finanzielle Unterstützung massiv zu erhöhen, weitreichende Waffen wie Taurus zu liefern und das eingefrorene russische Vermögen der Ukraine zur Verfügung zu stellen.
US-Präsident Donald Trump sieht sich nach eigenen Angaben in der Lage, weitere Russland-Sanktionen verhängen zu können. Auf eine Frage eines Journalisten am Weißen Haus, ob er bereit sei, in die zweite Phase von Sanktionen gegen Moskau einzutreten, sagte er am Sonntag knapp: „Ja, das bin ich.“ Mehr Angaben machte der Republikaner nicht. Es blieb unklar, ob neue Sanktionen tatsächlich verhängt werden und wenn ja, wann. Trump hatte vor Tagen angedeutet, dass es neben der Zollstrafe, die die USA gegen Indien wegen Geschäften mit Russland kürzlich eingeführt hat, weitere Pläne gebe – eine „Phase 2“ und „Phase 3“.
Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist die aktualisierte Fassung einer früheren Version.

