Wahlen in Ostafrika:Nerven in Kenia liegen blank

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Wahlen in Ostafrika: Kürzlich gewählte Abgeordnete der Partei des kenianischen Präsidentschaftskandidaten Odinga warten gespannt in einem Versammlungszentrum in Nairobi.

Kürzlich gewählte Abgeordnete der Partei des kenianischen Präsidentschaftskandidaten Odinga warten gespannt in einem Versammlungszentrum in Nairobi.

(Foto: Mosa'ab Elshamy/dpa)

Noch nie hat der Vielvölkerstaat so viel Transparenz bei Wahlen zugelassen wie dieses Mal. Doch die Berechnung der Ergebnisse schleppt sich gefährlich lange hin - das weckt Ängste vor den Dämonen der Geschichte.

Von Arne Perras

Tag fünf nach den Wahlen. Und die Kenianer warten. Und warten. Und warten. Die Spitzenpolitiker William Ruto, 55, und Raila Odinga, 77, ringen um das höchste Amt im Staat, sie wollen Präsident in Nairobi werden. Beide sind schon alte Bekannte der kenianischen Politik. Doch noch immer gibt es kein belastbares Ergebnis der Abstimmung vom vergangenen Dienstag. Das ist nicht gut für die Nerven, nicht in einem Land wie Kenia, das bei früheren Wahlen mehrfach schwere Gewalt erlebt hat.

Besonders schlimm war es nach der Abstimmung 2007, als in den Wochen nach der Wahl etwa 1300 Menschen bei Unruhen im Land starben. Viele erinnern sich noch an die Angst und das Chaos dieser blutigen Tage, manche haben Angehörige verloren, Hunderttausende Menschen wurden damals aus ihren Dörfern vertrieben, weil der Kampf um das Wahlergebnis eskaliert war.

Auszählung dauert dem Chef der Wahlkommission zu lang

Gut möglich, dass der Chef der kenianischen Wahlkommission IEBC, Wafula Chebukati, an diesem Freitag an diese Abgründe dachte, als er öffentlich mahnte: Das Auszählen gehe ihm viel zu langsam. "Wir kommen nicht so schnell voran, wie wir sollten. Diese Übung muss so schnell wie möglich zu einem Ende kommen."

Das klang zunächst kurios aus dem Mund jenes Mannes, der diese Arbeit in Nairobi ja leitet und verantwortet. Bezichtigte er sich etwa selbst, dass sich alles so lange hinschleppte? Eher nicht, Chebukati machte deutlich, wen er als die großen Bremser ausgemacht hat. Er kritisierte die Parteivertreter, die gemäß den Regeln an der Verifizierung der Wahlergebnisse teilhaben. Sie würden die Arbeit zu sehr verzögern, er, Wafula, habe den Eindruck, dass manche aus einer überschaubaren Überprüfung von Formularen schon eine Art "forensische Untersuchung" machten.

Auch wenn es Chebukati nicht so offen aussprach, so legten seine Worte für manche Zuhörer nahe, dass es womöglich Kräfte in den rivalisierenden Parteien gibt, die - aus welchen Gründen auch immer - den Auszählungsprozess absichtlich hinauszögern wollten. Oder sind sie alle - aufgrund von Manipulationen bei früheren Wahlen - einfach nur übervorsichtig? Sicher ist, dass das Gefühl, bei Wahlen betrogen zu werden, in Kenia über die Jahre hin sehr präsent gewesen ist. Und mit diesem Gefühl kommt auch immer die Angst, dass die Lage bald aus dem Ruder laufen könnte.

Tumulte in der Nacht

Samstagnacht spitzte sich die Lage weiter zu, der Sender Citizen TV zeigte tumultartige Szenen aus dem Innern des Kulturzentrums Bomas, wo die kenianische Wahlkommission arbeitet und die Ergebnisse errechnet werden. Lautes Geschrei, hier wird heftig gestritten, ohne dass die Details zu verstehen wären. Angeblich soll sich ein Mitarbeiter verdächtig benommen haben, heißt es in dem Sender. Sicherheitskräfte sind zu sehen, sie versuchen, die Gemüter in der großen Halle zu beruhigen.

Dann sieht man, wie plötzlich ein Mann in grau-roter Weste ein Mikrophon ergreift und ruft: "Ich will der Nation verkünden, dass Bomas ein Tatort ist." Mehr kann er nicht sagen, denn der Fernsehsender dreht nun den Ton ab, und jemand reißt ihm das Mikro weg. Wutentbrannt verlässt der Mann die Szene, es ist Saitabao Kanchory, ein führender Mann aus dem Lager von Raila Odinga.

Was hinter der Attacke von Kanchory steckt, ist nicht unmittelbar zu klären, die Kenianer bleiben darüber zunächst im Dunkeln. Sicher ist nur: Der Satz war eine rhetorische Bombe und keinesfalls ein Zeichen, das an diesem Wochenende der Entspannung in Kenia diente. Die Nerven liegen blank angesichts des engen Rennens, dessen Ausgang weiter unklar blieb.

Darin liegt eine gewisse Ironie, denn wohl bei keiner kenianischen Wahl hat der Staat so viel Transparenz zugelassen wie bei dieser. In den mehr als 46 000 Wahlstationen wurde das jeweilige Ergebnis der Auszählung auf dem sogenannten Formular 34 A festgehalten, anschließend fotografiert und an die Zentrale in Nairobi gesendet, wo die Wahlkommission jedes einzelne öffentlich hochgeladen hat. Danach sollten Boten die Originaldokumente aus allen Regionen nach Nairobi transportieren, wo sie mit den übermittelten Fotos gegengecheckt und überprüft werden.

Nur dass dieses Verfahren nun doch quälend lange dauert. Dazu hat es in den vergangenen Tagen sehr viel Verwirrung um unabhängige, aber auch unvollständige Berechnungen gegeben.

Geduld der Wählerschaft ist auf harte Probe gestellt

Anfangs hatten kenianische Medien begonnen, anhand der veröffentlichten Dokumente selbst Ergebnisse zu berechnen und öffentlich zu machen. Doch weil sie es in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Reihenfolge taten, wichen die vorläufigen Ergebnisse voneinander ab. Mal war der Kandidat Ruto vorne, mal sein Widersacher Odinga. Was eigentlich der Transparenz und unabhängigen Kontrolle dienen sollte, löste auf einmal breite Verunsicherung aus.

Die Menschenrechtskommission in Nairobi kritisierte, dass die Kenianer nun einer Vielzahl nicht verifizierter Wahlergebnisse ausgesetzt seien, was "Ängste und Spannungen erheblich erhöht hat." Außerdem seien die sozialen Medien mit Falschinformationen geflutet worden, die Konflikte schüren.

Inzwischen haben Kenias Fernsehsender und Zeitungen wieder aufgehört zu zählen, manche fürchteten, dass sie gehackt werden könnten, andere machten deutlich, dass sie angesichts der Spannungen eine synchronisierte Auswertung favorisieren. Doch dafür hätten sich die Medien vorher zusammenschließen müssen, was nicht geschehen ist.

Und die Wahlkommission? Sie rechnete und prüfte weiter und weiter, Stunde um Stunde, immer wieder unterbrochen von Beschwerden des einen oder anderen Kandidatenlagers. Diese schleppende Arbeit hat die Geduld der Wähler stark auf die Probe gestellt. "Je länger es dauert, ein Ergebnis zu verkünden, umso größer ist die Gefahr, dass das Vakuum in den sozialen Medien durch weitere Falschinformationen gefüllt wird", warnt im Telefonat der Politologe und Afrika-Experte Fergus Kell, der am Institut Chatham House in London über Ostafrika forscht.

Bis Dienstag hat die Wahlkommission noch Zeit, dann muss sie ein Ergebnis vorlegen. Wie gefährlich ist die Lage? "Die Chance, Massengewalt zu vermeiden, ist heute doch größer als 2007", glaubt Kell. "Denn die einzelnen Ergebnisse sind ja alle zugänglich", es gebe keine Chance, etwas auf Dauer zu vertuschen oder das große Bild noch ganz zu drehen.

So oder so ist es aber eben verdammt knapp, und auch das schürt Ängste. Ob einer der beiden die 50 Prozent-Hürde überspringt, weiß man noch nicht. Und auch nicht, welcher von beiden. Bange Stunden, in denen alle die Nerven behalten müssen. Irgendwie.

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