Neuwahlen in Kenia Hoffnung in Nairobis Hütten

Kenias Oppositionsführer Raila Odinga: "Er ist der Erlöser"

(Foto: AFP)
  • Die kenianische Präsidentschaftswahl hat das Oberste Gericht in Nairobi annulliert. Am 17. Oktober stehen Neuwahlen an.
  • Wieder treten Amtsinhaber Uhuru Kenyatta und Oppositionsführer Raila Odinga an.
  • Die Erwartungen an Odinga sind überhöht.
Von Bernd Dörries, Nairobi

Vor hier aus habe man die beste Aussicht, sagt Freddy. Nur noch ein paar Schritte den kleinen Hügel hinauf, dann sei man dort. Es geht über Müllberge, Eisenbahnschienen, vorbei an Blechhütten und Bächen, die schwarz sind vor lauter Dreck und Kot. Freddy strahlt. "Das ist es", sagt er. Man sieht: Noch mehr Müllberge, Eisenbahnschienen, Blechhütten und Bäche, die schwarz sind vor lauter Dreck und Kot. "Schön, nicht", sagt Freddy und muss selber lachen.

Man hat von hier oben aus einen guten Blick auf etwas, das viele das größte Elend dieser Welt nennen: Es ist eine Siedlung, die zumindest immer dabei ist, wenn es um die Spitzengruppe der größten Slums der Welt geht. Von außen sieht der Slum aus wie ein schwarzes Loch mit silbernen Dächern. Von innen ist es eine Stadt in der Stadt, mitten in Kenias Hauptstadt Nairobi, mit einer eigenen Universität, mit Banken und Hotels. Mit unendlichem Elend, aber auch mit einigen Menschen, die einen Geländewagen fahren und in schönen Wohnungen leben. Auch in der Armut gibt es Reichtum.

Wie viele Menschen hier genau leben, kann niemand mit Sicherheit sagen. Die Vereinten Nationen haben einmal Satellitenfotos machen lassen und nachgezählt, wie viele Hütten es gibt: Etwa 200 000 Behausungen, von denen man ausgehen kann, dass sie jeweils mehr als fünf Menschen beherbergen, insgesamt eine Millionen Menschen also. Es ist eine Siedlung im Konjunktiv.

"Die Regierung müsste eigentlich den Müll wegfahren, die Regierung müsste eigentlich für sauberes Wasser sorgen, die Regierung müsste so vieles besser machen", sagt Freddy. Er ist Mitte 20, trägt ein Arsenal-Trikot und will nur seinen Vornamen sagen: "Ich bin einer von vielen." Und weil es so viele sind, wird die Politik alle paar Jahre doch einmal wieder aufmerksam auf die Menschen in Kibera, auf die Wähler, die zu mobilisieren sind.

Die ganze Nacht gefeiert, gesungen und getrunken

"Raila ist der Erlöser", sagt Freddy. Und wiederholt es noch ein paarmal. Er zeigt auf mehrstöckige Wohnblöcke, die an einem Hang über dem Highway gebaut wurden, es ist billiger und komfortabler Wohnraum mit Balkon, für 40 Euro im Monat, "Raila-Housing", werden sie im Slum genannt, weil sich alle sicher sind, dass Raila Odinga sie hat bauen lassen, der ewige Oppositionschef in Kenia, der in Kibera fast 30 Jahre lang seinen Wahlkreis hatte. Und der seit fast genau so vielen Jahren für das Amt des Präsidenten kandidiert, dabei vier Niederlagen eingefahren hat. Was für sich genommen schon rekordverdächtig ist.

Nun hat Odinga aber wirklich Geschichte geschrieben. Das Oberste Gericht in Kenia ist seiner Beschwerde gefolgt und hat die Präsidentschaftswahlen vom 8. August für ungültig erklärt und Neuwahlen angeordnet, die es Mitte Oktober geben soll. In Kibera sind die Menschen nach dem Urteil auf die Straßen gelaufen und haben die ganze Nacht gefeiert, gesungen und getrunken. Nirgendwo hat der Oppositionsführer so viele Anhänger, nirgends erwartet man so viel von ihm.

Kenia

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