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Katholische Priester und die Ehe:"Deine Mama ist an allem schuld"

Wenn ein katholischer Geistlicher sich verliebt, muss er sich entscheiden: Kirche oder Familie? Frauen und Kinder der Priester leiden darunter - ihre Rechte sind kaum geklärt. Kritiker fordern deshalb eine Lockerung des Zölibats.

Als heimliche Geliebte wäre sie geduldet worden, solange sie nur Abstand hält und keine Forderungen stellt. "Die haben mir vorgeschlagen, ich könnte ja in den Nachbarort ziehen, dann wäre das wohl in Ordnung gewesen", sagt Karin Seibert. Die, das waren ein Priester und eine Nonne, die die junge Frau aus dem Weg schaffen wollten. Die 22-Jährige hatte eine Beziehung zu einem jungen Priester begonnen. "Die wollten ihn vor mir retten", sagt Seibert. "Aber so hätte ich nicht leben können."

Schuldeingeständnis der katholischen Kirche nach Missbrauch

Wie viele sogenannte Priesterkinder es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt.

(Foto: dpa)

Das musste sie dann auch nicht: Die Seiberts sind heute seit fast 40 Jahren verheiratet. Ihre richtigen Namen wollen beide aber nicht nennen, der sei auch gar nicht wichtig. "Unsere Geschichte ist nur eine von vielen."

Der junge Mann kommt Mitte der sechziger Jahre als Kaplan in die Heimatgemeinde von Karin Seibert, die selber als Leiterin der Jugendgruppe in der Kirche aktiv ist. Die beiden sind sich sympathisch, mehr nicht. "Ich habe mir darüber hinaus erst mal keine Gedanken gemacht", sagt die katholisch erzogene Seibert. "Das gab's einfach nicht." Eine enge Freundschaft entsteht, auch als Klaus Seibert nach drei Jahren versetzt wird, reißt der Kontakt nicht ab. Sie telefonieren, treffen sich. "Wir haben nicht oft drüber gesprochen, aber irgendwann wussten wir beide, dass da noch mehr ist."

Trotzdem können die frisch Verliebten ihre Beziehung lange nicht wirklich genießen: "Wir haben auf der Straße nie Händchen gehalten oder uns eng umschlungen gezeigt", sagt Karin Seibert. "Aber wir haben immer wieder Orte gefunden, an denen wir alleine sein können." An einen Urlaub in der schwedischen Einöde erinnert sie sich gern: "Da hatten wir endlich normalen Umgang."

Ein Hauch von Aufbruchsstimmung

Immer häufiger spürt die junge Frau jetzt den Wunsch, dass der Priester laisiert, also vom Amt enthoben wird. Aber Druck ausüben wollte sie nicht: "Er hat ein Leben lang darauf hingearbeitet, Priester zu sein. Ich wollte keinen unglücklichen Mann haben." Er lacht. "Nein, ich wurde nicht gedrängt und verspüre bis heute keine innere Qual, weil ich mich für meine Frau entschieden habe." Nie habe er ein schlechtes Gewissen gehabt, sich als Verräter gefühlt. Schon immer sei er kritisch gegenüber bestimmten Vorgaben der Kirche gewesen. "Ich wollte reformieren", sagt er und fügt hinzu: "Außerdem hätte sich das Gesetz ja jeden Tag ändern können."

Das Zweite Vatikanische Konzil verbreitete Mitte der sechziger Jahre einen Hauch von Aufbruchsstimmung. Aggiornamento, Heutigwerden, nannte das Papst Johannes XXIII. Es war auch eine Hoffnung für das junge Paar. "An wen sollten wir uns wenden? Ich dachte jahrelang, ich bin die Einzige, der so was passiert", sagt Karin Seibert. Heute weiß sie es besser.

In der "Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen" und der "Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen" haben sich diejenigen zusammengeschlossen, die Ähnliches erlebt haben. Einige hundert sind es bundesweit. Wie viele heimliche und offizielle Priesterfrauen es tatsächlich gibt, ist nicht bekannt, die Zahl der Laisierungen erfasst jedes Bistum für sich. Auch der Umgang mit heiratswilligen Priestern obliegt den Bischöfen. In der Regel gibt es Rentennachzahlungen, auch eine finanzielle Starthilfe ist üblich - Pflicht ist das aber nicht. Sicher ist: Wer sich für seine Frau entscheidet, muss gehen, so will es das Kirchenrecht. "Niemand wird dazu gezwungen, Priester zu werden und zölibatär zu leben", erklärt der katholische Kirchenrechtler Marcus Nelles. "Verstößt nun ein Priester gegen das Versprechen, das er bei seiner Weihe freiwillig abgegeben hat, kann er aufgrund seines Wortbruches und seines veränderten Lebensstils die Kirche nicht mehr als Amtsträger repräsentieren."