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Kirche:Die Katholiken debattieren über Rassismus

Präsident des ZdK, Thomas Sternberg

ZdK-Präsident Sternberg kündigt seinen Rückzug an.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Konservative und Reformer stehen sich beim Synodalen Weg zunehmend unversöhnlich gegenüber. Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg, klagt über Polemik - und kündigt seinen Rückzug an.

Von Annette Zoch, München

Mit dem Missbrauchsskandal verhalte es sich wie mit dem Verkauf von Ablässen vor der Reformation, sagt Tomáš Halík: Er enthülle "tiefere Probleme in der Kirche: das Verhältnis zwischen Autorität und Macht, das Verhältnis zwischen Geistlichen und Laien". Die Missbrauchsskandale seien nicht nur Problem des Einzelnen. "Es ist ein Problem der Strukturen: und ein Aufruf zu einer tief greifenden Reform der Kirche." Der tschechische Theologe und Bestsellerautor sprach auf der digitalen Frühjahrsvollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) zur Zukunft der Kirche. Und diese wird, so viel ist schon klar, turbulent.

Beim Synodalen Weg, der Reformdebatte zwischen Klerikern und Laien, stehen sich die Lager der Konservativen und der Reformer zunehmend unversöhnlich gegenüber, die Stimmung ist aufgeheizt. Beispielhaft zeigt sich das derzeit an einem Streit um Aussagen der Tübinger Theologin Johanna Rahner: Bei einem Vortrag im Bistum Rottenburg-Stuttgart hatte sie über die Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche gesprochen. Rahner bezog sich auf Gedanken der amerikanischen Soziologin Robin DiAngelo zum Rassismus von Weißen: Weil diese die Auseinandersetzung mit Rassenfragen den People of Color überließen, lüden sie die Verantwortung bei den Diskriminierten ab.

Auch Frauen, argumentiert Rahner, könnten sich in der Kirche ihre Rechte nicht selbst geben, "sie müssen uns gegeben werden". Rahner sagte, wer an der Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche nichts ändern wolle, sei nichts anderes als "ein Rassist". Der Passauer Bischof Stefan Oster reagierte mit scharfer Kritik - und stellte indirekt die Frage, wer an deutschen Universitäten Theologie lehren könne: "Wenn jemand aber offensiv Lehren verbreitet, die dem überlieferten Glauben in seinen Fundamenten diametral widersprechen, wird diese Person hoffentlich selbst überlegen, ob sie noch im Auftrag der Kirche katholische Theologie unterrichten und verantworten kann", sagte er dem Deutschlandfunk.

"Das schadet einer sachorientierten Debatte."

Die frühere Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) verteidigte die Wissenschaftsfreiheit: Zwar sei Rahners Ausdrucksweise nicht diplomatisch, provokante Debattenbeiträge aber seien elementar, sagte die ehemalige deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl. Am Freitag meldete sich sogar der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, zu Wort und forderte Rahner auf, den Satz zurückzunehmen: Mit ihrer zugespitzten Aussage habe sie überzogen, "und das schadet einer sachorientierten Debatte".

ZdK-Präsident Thomas Sternberg übte indes Kritik an Bischof Oster: Dass dieser seine Kritik nun auf den gesamten Synodalen Weg ausdehne, sei "völlig unangemessen". Überhaupt beklagte Sternberg einen "polarisierenden, oft polemischen und hysterischen Debattenstil" - und zeigte sich persönlich verletzt darüber, dass ihm vorgeworfen wurde, bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt zu unkritisch mit den Bischöfen gewesen zu sein. "Dieser Vorwurf trifft mich zutiefst, und ich halte ihn auch in der Sache für falsch", sagte er. Der 69-Jährige kündigte an, für eine weitere Amtszeit nicht mehr zu kandidieren. Damit geht nach Kardinal Reinhard Marx der zweite Architekt des Synodalen Wegs von Bord.

Das Laiengremium will sich künftig stärker der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt widmen. Ein Arbeitskreis soll die Rolle der Laien "als Vertuschende und als Täterinnen und Täter" aufarbeiten. Erstmals ist mit Johanna Beck auch ein Mitglied des Betroffenenbeirats der Bischofskonferenz als sogenannte Einzelpersönlichkeit ins ZdK gewählt worden. Zahlreiche Schwergewichte wie Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sind ausgeschieden. Neu dabei sind die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Auf die 45 Plätze für Einzelpersönlichkeiten haben sich so viele Menschen beworben wie noch nie, insgesamt 105 - und das "trotz des schlechten Bildes der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit", so Sternberg. Das sei "beeindruckend".

© SZ/stad
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