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Marx' Rücktrittsgesuch:"Es muss sein. Ich möchte diesen Weg gehen"

Die Entscheidung, ein Zeichen für die von Missbrauch in der Kirche Betroffenen zu setzen und sich zurückzuziehen, bringt Kardinal Marx von allen Seiten Respekt ein. Auch der Kölner Kardinal Woelki äußert sich. Alle Entwicklungen zum Rücktrittsgesuch im Überblick.

Von Ramona Dinauer und Oliver Klasen

Der Schritt kam überraschend an diesem Freitagvormittag. Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, jahrelang Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und einer der profiliertesten Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland, hat Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten.

Marx zieht damit die Konsequenzen aus eigenen Fehlern bei der Aufklärung der Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und einer seiner Ansicht nach nicht konsequent genug betriebenen Aufklärung der Vorwürfe.

Die Pressekonferenz von Marx

Um 14 Uhr am Freitag hat sich Marx öffentlich zu seinem Schritt geäußert. "Es muss sein. Ich möchte diesen Weg gehen", sagte der Erzbischof in München. Bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle genüge es nicht, allein administrative Veränderungen vorzunehmen. Die Betroffenen erwarteten völlig zurecht, dass jemand persönliche Verantwortung übernehme. Diesen Druck habe er in den vergangenen Monaten zunehmend gespürt.

Zu Beginn seines Pressestatements beantwortet Marx die Frage, warum er sich gerade jetzt zu diesem Schritt entschlossen habe. Ein wichtiger Punkt bei der Entscheidung, so Marx, sei für ihn die Veröffentlichung der MHG-Studie gewesen, eines interdisziplinären Forschungsprojektes, das den Missbrauch aufarbeiten sollte und für das sich Marx eingesetzt hatte.

Die MHG-Studie (benannt nach den drei Standorten beteiligter Forschungsinstitute: Mannheim, Heidelberg, Gießen; Anm. d. Red.) wurde im Herbst 2018 der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt. Deutschlandweit waren mehr als 38 000 Akten aus den Jahren 1946 bis 2014 geprüft worden. Demnach wurden mindestens 3677 Minderjährige von 1670 Klerikern missbraucht. Die Ergebnisse waren Anstoß zum sogenannten Synodalen Weg, der katholischen Reformdebatte, und legten erstmals die systemischen Ursachen des Missbrauchsskandals offen.

Im Kern, sagt Marx bei seinem Pressestatment, gehe es ihm darum, Mitverantwortung zu übernehmen. Denn Kirche solle "ein Ort der Heilung und Zuversicht sein". Ihm bedrücke es sehr, dass in der Kirche "Menschen nicht Heil, sondern Unheil erfahren" hätten, so Marx.

Er wünsche sich, dass sein Amtsverzicht ein Wendepunkt in der Kirche sein könne. "Vieles ist vorangegangen in der Kirche. Wir sind aber noch nicht am Ende", sagte der Kardinal. Er glaube fest an eine "neue Epoche des Christentums". Aber diese werde nur anbrechen, wenn man aus den Fehlern der Vergangenheit lerne. Mit seinem Schritt wolle er nicht auf andere Mitbrüder im bischöflichen Amt einwirken, machte Marx deutlich.

Wie es zur Entscheidung kam

Kardinal Marx hat dem Papst seine Bitte um Amtsverzicht bereits in einem Brief, der auf den 21. Mai datiert ist, übermittelt. Dieser Brief ist am Freitag gleichzeitig mit der Erklärung des Erzbistums München und Freising veröffentlicht worden.

Die Entscheidung sei über die vergangenen Monate in ihm gereift. In einem Gottesdienst für die Opfer sexuellen Missbrauchs habe er einst den Satz gesagt: "Wir haben versagt". Dieser Satz habe ihm lange nachgeklungen und er habe sich gefragt: "Wer ist wir? Gehöre ich da nicht dazu?

Über die Osterfeiertage habe er schließlich wesentliche Teile des Briefes an Papst Franziskus verfasst und um einen Termin beim Heiligen Vater gebeten. Diesem habe er den Brief im Mai vorgelesen. Der Papst habe ihm geantwortet, darüber müsse er nachdenken. In der vergangenen Woche, so Marx, habe er dann schließlich eine E-Mail vom Papst erhalten, in der diese sagte, der Brief könne nun veröffentlicht werden. Noch immer ist allerdings nicht klar, ob Franziskus das Gesuch von Marx auch annehmen wird.

Seine Bitte um Amtsverzicht sei eine "ganz persönliche Entscheidung" gewesen, die Marx nur mit seinem sehr kleinen Kreis vorbesprochen habe.

Auszüge aus dem Brief von Marx an Papst Franziskus

  • Die Krise der katholischen Kirche "ist auch verursacht durch unser eigenes Versagen, durch unsere Schuld. Das wird mir immer klarer im Blick auf die katholische Kirche insgesamt, nicht nur heute, sondern auch in den vergangenen Jahrzehnten. Wir sind - so mein Eindruck - an einem gewissen 'toten Punkt', der aber auch (...) zu einem 'Wendepunkt' werden kann."
  • "Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten. Die Untersuchungen und Gutachten der letzten zehn Jahre zeigen für mich durchgängig, dass es viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles oder 'systemisches' Versagen."
  • "Die Diskussionen der letzten Zeit haben gezeigt, dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen und deshalb jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen. Ich sehe das dezidiert anders."
  • "Ich empfinde schmerzhaft, wie sehr das Ansehen der Bischöfe in der kirchlichen und in der säkularen Wahrnehmung gesunken, ja möglicherweise an einem Tiefpunkt angekommen ist. Um Verantwortung zu übernehmen, reicht es aus meiner Sicht deshalb nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden."
  • "Es geht auch nicht an, einfach die Missstände weitgehend mit der Vergangenheit und den Amtsträgern der damaligen Zeit zu verbinden und so zu 'begraben'. Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution."

Reaktionen auf den Rücktritt

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, der von Marx vorab über den Amtsverzicht informiert wurde, bedauert dessen Schritt. Marx habe Wegweisendes für die Kirche in Deutschland und weltweit geleistet. Das Angebot des Amtsverzichts sehe Marx als "persönliche Antwort" auf den Umgang mit Missbrauchsfällen. "Unabhängig davon aber müssen die Deutsche Bischofskonferenz und die Bistümer weiterhin ihrer Verantwortung nachkommen, auf dem 2010 eingeschlagenen Weg der Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs weiterzugehen", sagte Bätzing. Auf die pointierte Formulierung von Marx, wonach die Kirche an einem "toten Punkt" angekommen sei, ging Bätzing in seiner Erklärung nicht ein.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat Kardinal Marx für seinen Dienst gedankt. "Im Namen der bayerischen Staatsregierung und auch ganz persönlich danke ich Kardinal Reinhard Marx für seinen Dienst", sagte Söder in München. Marx habe viel auf den Weg gebracht und Gutes bewirkt. Seine Entscheidung und sein Bekenntnis verdienen Respekt. "Natürlich besteht ein großer Veränderungsbedarf in den Kirchen - das spürt jeder", sagte Söder. "Als Christ bin ich jedoch überzeugt, dass Glaube und Kirche sehr lebendig sind und den Menschen auch in Zukunft noch viel geben können", sagte Söder, der selbst Protestant ist.

Der CDU-Vorsitzende und Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, äußerte sich über Twitter zu Marx' Rücktritt:

Der Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung über Marx: "Ich kenne ihn seit 50 Jahren und bin sehr überrascht". Er werte das Angebot als starkes Zeichen. "Dieser Schritt wird, weil der Kardinal so eine wichtige Figur in der Kirche in Deutschland ist, seine Wirkung haben", sagte Bode, der auch stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist. Er bedauere, dass Marx in Zukunft nicht mehr als Erzbischof in der Bischofskonferenz dabei sein könne. "Wir brauchen für die Erneuerung der Kirche starke Leute. Denn die Kirche ist an einem Wendepunkt. In ihr wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Aber ich denke, wir müssen mit den Steinen etwas Gutes wiederaufbauen".

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat sich "tief erschüttert" über die Entscheidung von Kardinal Marx gezeigt. "Da geht der Falsche", sagte Sternberg der Rheinischen Post. Was Marx in der Ökumene und bei der Missbrauchsaufarbeitung geleistet habe, sei enorm wichtig gewesen. Sollte der Rücktritt angenommen werden, so Sternberg, "dann fehlt uns eine ganz wichtige Persönlichkeit im deutschen Katholizismus".

Der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, hat seinen Respekt vor Marx zum Ausdruck gebracht. Er habe den Münchner Erzbischof als einen Geistlichen erlebt, "der bereit war zuzuhören", sagte Katsch. Für Marx sei klar gewesen, dass man nur durch die Übernahme von Verantwortung einen Neuanfang machen könne. "Marx hat verstanden, dass diejenigen, die den Karren in den Dreck gezogen haben, ihn nicht zugleich wieder herausziehen können".

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist der Ansicht, Marx' Schritt zeige die Dimension und die Verwerfungen auf, zu denen das Bekanntwerden von Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen geführt habe. Der Münchner Erzbischof habe beim Prozess der Aufarbeitung auch in der Weltkirche eine sehr wichtige Rolle gespielt. Unabhängig von seinem Rücktrittsgesuch müsse die unabhängige Aufarbeitung in den Bistümern mit voller Kraft vorangetrieben werden.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller spricht von einem souveränen Schritt, an dem sich andere Bischöfe nun messen lassen müssten. Marx greife mit seinem Schritt "Kardinal Woelki frontal an, wenn er von denen spricht, die sich hinter juristischen Gutachten verstecken und nicht bereit sind, die systemischen Ursachen der sexualisierten Gewalt in der Kirche mit mutigen Reformen anzugehen", so Schüller. Die Botschaft von Marx geht nach Ansicht von Schüller aber auch direkt an Papst Franziskus: "Wenn du, Franziskus, Reformen willst, dann bleibt im Blick auf die sexualisierte Gewalt in der Kirche kein Stein auf dem anderen. Sei so mutig wie ich und stoße endlich Reformen an." So sei für ihn die Botschaft von Marx zu interpretieren.

Der in die Kritik geratene Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bekundet ebenfalls "großen Respekt" vor dem Rücktrittsgesuch von Marx. Er selbst will aber offenbar auf seinem Posten bleiben. Der Chef des größten deutschen Bistums teilte am Freitag mit: "Bereits im Dezember des vergangenen Jahres hatte ich den Heiligen Vater gebeten, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln sowie meine persönliche Verantwortung zu bewerten. Damit habe ich mein Schicksal damals vertrauensvoll in die Hände des Papstes gegeben." Woelki erinnerte an das von ihm in Auftrag gegebene Gutachten zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs. "Darin wurden Namen genannt und Verantwortliche haben Konsequenzen gezogen." Woelki selbst war in dem Gutachten von Pflichtverletzungen freigesprochen worden, er hatte unter Verweis darauf mehrfach einen Rücktritt abgelehnt. Allerdings hatte der Papst zuletzt die Entsendung zweier Apostolischer Visitatoren - Bevollmächtigter - ins Erzbistum Köln angekündigt. "Das ist ein direkter Auftrag des Heiligen Vaters zur Zusammenarbeit, den ich verantwortungsvoll zum Abschluss begleiten werde", versicherte Woelki.

Der Werdegang von Marx in der Katholischen Kirche

Geboren 1953 im westfälischen Geseke, studierte Marx Theologie in Paderborn und Paris, wurde 1972 zum Priester geweiht und 1988 an der Ruhr-Universität Bochum zum Doktor der Theologie promoviert. 1996 wurde er zum außerordentlichen Professor an der Universität Paderborn und im selben Jahr zum Bischof geweiht.

Ende Dezember 2001 wurde er vom damaligen Papst Johannes Paul II zum Bischof von Trier berufen. Sein Amt trat er Anfang 2002 an, damals war er mit 48 Jahren der jüngste deutsche Diözesanbischof. Im November 2007 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Münchner Erzbischof, drei Jahre später wurde er Kardinal, wieder war er für einige Zeit der jüngste in dem Kreis. Von 2012 bis 2018 war er zudem Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der EU.

Im April 2013 berief der neue Papst Franziskus den damals 60-Jährigen in den achtköpfigen Kardinalsrat, der ihn bei der Reform der Kurie in Rom berät. Wenig später machte das katholische Kirchenoberhaupt Marx zum Koordinator eines neu geschaffenen Wirtschaftsrates im Vatikan.

2014 folgte der Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz. Anfang 2020 hatte Marx erklärt, bei der bevorstehenden Wahl nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Sein Nachfolger wurde der Limburger Bischof Georg Bätzing. Unter seinen deutschen Amtsbrüdern und in der römischen Kurie hat Marx nicht nur Freunde. Manchen Bischof stört dessen barockes Erscheinungsbild, das so gar nicht zu der Kirche der Armen passen will, die der Papst predigt. Marx residiert in einem stattlichen Palais, das ihm allerdings vom Land Bayern zugewiesen ist.

Marx' künftige Rolle

"Ich habe mein Arbeiten in die Hände des Papstes gelegt", sagte Marx bei seinem Pressestatement. Franziskus könne nun entscheiden, an welcher Stelle er sich in Zukunft einbringe, so Marx. "Ich bin nicht amtsmüde. Ich bin nicht demotiviert. Mein Dienst für die Kirche und für die Menschen ist nicht zu Ende".

In den kommenden Jahren, so hat Marx in seinem Brief an den Papst geschrieben, wolle er sich verstärkt der Seelsorge widmen und sich für eine geistliche Erneuerung der Kirche einsetzen.

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