Der Karfreitag stand in Polen ganz im Zeichen des fünften Todestages von Papst Johannes Paul II. Aus diesem Anlass publizierten die Medien zahlreiche Berichte über den Zustand der katholischen Kirche Polens.
Kommentatoren von rechts bis links sind sich in ihren Bewertungen einig: Sie ist zwar nach wie vor die einflussreichste gesellschaftliche Kraft, doch hat sie seit der Wende von 1989 enorm an Bedeutung verloren.
Bei Umfragen konnte nicht einmal ein Drittel die Namen des Primas der katholischen Kirche sowie des Vorsitzenden der Bischofskonferenz nennen. Primas ist seit Ende vergangenen Jahres der Erzbischof von Gnesen (Gniezno), Henryk Muszynski, der sich stark im deutsch-polnischen sowie im christlich-jüdischen Dialog engagiert hat.
Doch ist er bereits 77 Jahre alt, hat somit die Altersgrenze überschritten. Sein Nachfolger soll noch in diesem Monat bekanntgegeben werden. Als einer der Kandidaten gilt der im Lande weitgehend unbekannte Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik aus der südostpolnischen Grenzstadt Przemysl.
Die links-liberale Gazeta Wyborcza hatte zum 1. April gemeldet, dass der Pfarrer des Dorfes Przybyslawice neuer Primas werden solle. Er habe sich unter anderem durch die Zulassung von Messdienerinnen im Vatikan hohes Ansehen erworben. In ganz Polen gibt es zwar acht Dörfer, aber keine Pfarrei dieses Namens; auch gibt es keine Messdienerinnen. Dass es sich um einen Aprilscherz handelte, fiel indes einigen Sendern und Presseagenturen nicht auf.
In einem Interview der Gazeta Wyborcza bedauerte der Lubliner Erzbischof Jozef Zycinski, dass die polnische Kirche derzeit über keinerlei charismatische Führungspersönlichkeit verfüge. Zycinski gilt als Vertreter des Reformflügels und deshalb als chancenlos bei der Nachfolge des Primas Muszynski.
Er hielt seinen Landsleuten vor, zu wenig über das Wirken Johannes Pauls II. zu wissen: "Wir haben ihn zur Seite gestellt in Form von Denkmälern, die oft jedes Gefühl von Ästhetik beleidigen."
Die liberalkonservative Wochenzeitschrift Newsweek Polska kritisierte in ihrer jüngsten Titelgeschichte das Zölibat, für das es keinerlei theologische Rechtfertigung gebe. Auch berichtete das Blatt ausführlich über die Missbrauchsskandale in der Bundesrepublik.
Zu Worte kamen auch abtrünnige polnische Priester, die die Kirche verlassen haben. Einige von ihnen berichteten, dass sexuelle Übergriffe sowie die körperliche Züchtigung von Minderjährigen auch in der polnischen Kirche nicht selten vorgekommen seien.
Die Bischöfe, die davon in Kenntnis gesetzt würden, versuchten jedoch, jegliche Information darüber zu unterdrücken. Bislang haben die überregionalen Medien über zwei Fälle berichtet.
Nach den nun publizierten Zahlen hat sich die Zahl der Priesteramtskandidaten in den letzten zwei Jahrzehnten halbiert, ebenso wie die Zahl der Besucher der Sonntagsmesse. Im Landesdurchschnitt sind dies nur noch rund 40 Prozent, in den Städten und bei der jungen Generation rund 25 Prozent.
Bei einer Umfrage unter Abiturienten erklärte nur jeder fünfte, er bete täglich und sehe in Johannes Paul II. ein Vorbild. Das Wochenmagazin Wprost gab einem langen Bericht über die nachlassende Religiosität die Überschrift "Der Pole - ein merkwürdiger Katholik".
Die Gläubigen befolgten nur die Elemente der Kirchenlehre, die in ihr Privatleben passten. Religion spiele nur noch an hohen Festtagen eine Rolle. Dennoch bezeichnen sich 90 Prozent der Polen nach wie vor als Katholiken.