"Ich habe sozusagen meine eigene Anklageschrift in Auftrag gegeben. Was herauskommt, weiß ich nicht." Es ist Februar 2020, Kardinal Rainer Maria Woelki sitzt im Bischofshaus in der Kardinal-Frings-Straße in Köln und spricht mit der Süddeutschen Zeitung über ein Missbrauchsgutachten. Eine Münchner Kanzlei sei gerade dabei, es zu erstellen. Woelki will schonungslos aufklären, so das Bild, das er zeichnet. Dieses Gutachten werde auch die Namen derer nennen, die an systematischer Vertuschung beteiligt waren, verspricht der Erzbischof von Köln. Beim Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen "können die Fragen an uns selber nicht kritisch genug sein".
Doch dann hatten andere kritische Fragen, sehr kritische Fragen sogar. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße zum Beispiel, einst Generalvikar und Personalverantwortlicher im Erzbistum Köln, der auf persönlichkeitsrechtliche Aspekte im Umgang mit dem Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl "hingewiesen habe", wie er später sagt. Auch juristische Berater des Erzbistums sehen methodische Mängel und äußerungsrechtliche Probleme. Woelki verschiebt die für März 2020 geplante Pressekonferenz zunächst, dann Ende Oktober der Paukenschlag. Er sagt sie ganz ab und verkündet: Das Münchner Gutachten bleibt unter Verschluss.
Es ist der Beginn einer Kette von Ereignissen, die das Erzbistum Köln in eine schwere Krise stürzen. Besonders schwer wiegt bis heute, dass sich Woelki und sein Generalvikar für diesen Schritt in einer kurzfristig anberaumten Sitzung die Zustimmung des Betroffenenbeirats holten. Diese sollten über ein Gutachten entscheiden, das sie nicht kannten. Die beiden inzwischen zurückgetretenen Sprecher des Betroffenenbeirates, Patrick Bauer und Karl Haucke, fühlten sich überrumpelt und ein zweites Mal von der Kirche missbraucht.
Sogar der frühere Präventionsbeauftragte der Erzdiözese hat der Kirche den Rücken gekehrt
Seither wird die Stimmung im Erzbistum von Woche zu Woche schlechter, eine beispiellose Austrittswelle rollt. Sogar der frühere Interventionsbeauftragte der Erzdiözese, Oliver Vogt, hat der Kirche den Rücken gekehrt. Auch unter den aktiven Katholiken ist das Vertrauen zur Bistumsleitung gestört, unabhängig davon, ob sie konservativ oder liberal sind, wie Tim Kurzbach, der Vorsitzende des Diözesanrats und obersten Laiengremiums, erzählt. "Vielleicht war auch sogar der Beginn der Missbrauchsaufarbeitung authentisch-progressiv gemeint. Aber eben dann schlecht gemacht." Der Diözesanrat hat mittlerweile Konsequenzen gezogen und den Dialog mit der Bistumsleitung zunächst abgebrochen, "bis wir genau wissen, wer was wann gewusst und getan oder eben nicht getan hat".
Das alles änderte aber nichts an der Haltung Woelkis. Er bat um Geduld bis zu diesem Donnerstag. Dann soll endlich Klarheit herrschen, wenn um 10 Uhr der Strafrechtsexperte Björn Gercke im Maternushaus Platz nimmt und sein neues Gutachten vorstellt. Es soll ein Befreiungsschlag werden. Ein halbes Jahr hatte er Zeit für die Neufassung. Er durchforstete nochmals alle Akten, auch wenn diese nicht immer vollständig vorlagen, und identifizierte 236 Verdachtsfälle. Auch sein Gutachten werde hart werden für das Erzbistum, sagt Gercke. Moralische Bewertungen aber wolle er sich sparen - anders als das Münchner Gutachten.
Dieses sollen am kommenden Donnerstag, eine Woche nach der Pressekonferenz, ausgewählte Journalisten und Interessierte einsehen können. Dass dies entgegen der ursprünglichen Absicht Woelkis doch möglich ist, ist der großen öffentlichen Empörung zu verdanken. Allerdings nur mit Voranmeldung, Protokolle und Fotos seien untersagt, sagte Woelkis Anwalt Carsten Brennecke jüngst in einem Interview.
Das Münchner Gutachten spricht bei Heße von "fehlender Opferfürsorge"
Wie kam es dazu, dass Woelki innerhalb eines Jahres vom schonungslosen Aufklärer zum größtmöglichen Verhinderer wurde und seitdem im Fokus der Kritik steht? Es lohnt erneut ein Blick auf seinen Mitbruder, den früheren Personalchef und späteren Generalvikar in Köln, den heutigen Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße. Denn er kommt offensichtlich nicht gut weg in dem vertraulichen Münchner Gutachten. Dort ist - wie aus Berichten über die Intervention von Heßes Justiziar hervorgeht - von "fehlender Opferfürsorge" die Rede, von "regelmäßig wiederkehrenden, durchgängig festzustellenden Mängeln in der Sachbehandlung von Missbrauchsfällen", "basierend auf einer indifferenten, von fehlendem Problembewusstsein geprägten Haltung des Dr. Heße gegenüber Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker".
Heße selbst weist die Vorwürfe im Kern zurück, räumt aber ein, nicht auf den Umgang mit Missbrauchstätern vorbereitet gewesen zu sein. Und er schließt - wie auch Woelki - einen Rücktritt nicht aus. Beide hatten bereits den Vatikan um eine Prüfung gebeten. Ein anderer Bischof kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden - Kardinal Joachim Meisner, die 2017 verstorbene Ikone des konservativen Katholizismus.
Das System Meisner wird wohl auch im zweiten Gutachten verhandelt, zu dem nicht nur Heße in seinen früheren Funktionen oder dessen ehemaliger Geheimsekretär Woelki zählen. Es geht auch um die Verantwortung mehrerer amtierender Weihbischöfe sowie des Langzeit-Generalvikars Norbert Feldhoff, der am Südportal des Kölner Doms sogar mit einer steinernen Büste verewigt ist. Auch sie sollen, so heißt es, gegen das erste Gutachten aus München mobilgemacht haben.
Woelki kündigte vorsorglich schon einmal an, zur Not auch aktive Führungskräfte von ihren Aufgaben zu entbinden, sollten sie in Gerckes Untersuchung belastet werden. Am kommenden Dienstag ist eine weitere Pressekonferenz angesetzt, bei der erste Konsequenzen verkündet werden sollen. Dabei nimmt sich Woelki selbst nicht aus. "Sofern es mich betrifft, habe ich bereits erklärt, dass ich mich den Ergebnissen der Untersuchung stellen werde", sagte der Kardinal. "Dasselbe erwarte ich aber auch von anderen." Das kann man durchaus als Kampfansage lesen.
