Katholische Kirche:Münchner Missbrauchsgutachten wird veröffentlicht

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Katholische Kirche: Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., auf einem Foto aus dem Juni 2020

Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., auf einem Foto aus dem Juni 2020

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

An diesem Donnerstag präsentiert die Kanzlei WSW die mit Spannung erwartete Untersuchung für das Erzbistum. Sie umfasst auch die Amtszeit von Kardinal Ratzinger, dem emeritierten Papst. Die Staatsanwaltschaft prüft bereits neue Verdachtsmomente gegen Kirchen-Obere.

Von Nicolas Richter und Annette Zoch

Schon wieder ein Missbrauchsgutachten - doch dieses könnte historisch werden: An diesem Donnerstag legt die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) ihre lange erwartete Untersuchung zum Umgang von Verantwortungsträgern mit Fällen sexualisierter Gewalt im Erzbistum München und Freising vor. Besonders interessant an dem mehr als 1000 Seiten starken Gutachten sind die allem Anschein nach sehr detaillierten Antworten des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Auf 82 Seiten habe er auf Fragen der Anwälte geantwortet, hatte sein Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein, vergangene Woche der Bild-Zeitung gesagt. "Er begrüßt die Aufarbeitung in München sowie die Veröffentlichung des Gutachtens", sagte Gänswein. Die Schicksale der Missbrauchsopfer gingen ihm "sehr zu Herzen".

Kardinal Joseph Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Auch wenn die Amtszeit nur kurz war, fällt in diese Zeit die Versetzung des Priesters Peter H. von Essen nach München. H. soll - so geht es aus einem internen Dekret des Münchner Kirchengerichts von 2016 hervor, das die Süddeutsche Zeitung einsehen konnte - bereits in seiner Heimatdiözese Kinder missbraucht haben, später wurde er zu Therapiezwecken ins Erzbistum München geschickt, wo er erneut Übergriffe beging und auch strafrechtlich verurteilt wurde.

Dieser Fall gehört zu den bekanntesten und gravierendsten Missbrauchsfällen im Bereich des Erzbistums München und Freising, die Süddeutsche Zeitung hat ihn 2010 enthüllt. In der internationalen Presse wurde damals diskutiert, wie viel Ratzinger, inzwischen auf dem Stuhl Petri, gewusst hatte. Damals übernahm der damalige Generalvikar Gerhard Gruber die alleinige Verantwortung für den Einsatz des Priesters H. in der Seelsorge.

Drei Erzbischöfe waren in der Verantwortung, als Peter H. in der Erzdiözese im Einsatz war: neben Ratzinger auch Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx. Schon deshalb ist davon auszugehen, dass der Fall eine zentrale Rolle im Gutachten spielen wird. Erst 2010 wurde H. aus der Seelsorge abgezogen. Heute lebt er unter Auflagen im Bistum Essen. Diese würden auch kontinuierlich kontrolliert, heißt es dort.

Münchner Ermittler haben neues Material erhalten und prüfen 42 Fälle

Die Staatsanwaltschaft München I ist auf Grundlage der Recherchen der Kanzlei WSW bereits aktiv geworden. Im August vergangenen Jahres habe sie von der Kanzlei WSW Material über 41 Fälle zur Verfügung gestellt bekommen, in denen aus Sicht der Gutachter ein Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger gegeben sei. Das erklärte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage der SZ. Ein weiterer Fall sei im November dazugekommen. Unter den 42 Fällen sei auch der Fall des Priesters Peter H. "Die 42 Fälle betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche Verantwortungsträger und wurden stark anonymisiert übermittelt", erklärte die Staatsanwaltschaft. Sollten sich auf dieser Basis Verdachtsmomente dafür ergeben, dass sich kirchliche Verantwortungsträger strafbar gemacht hätten, würden gesonderte Vorermittlungsverfahren eingeleitet.

Ursprünglich war die Veröffentlichung des Gutachtens bereits im Sommer 2021 erwartet worden. Die Kanzlei begründete die Verschiebung im November mit "neuen Erkenntnissen", die man habe überprüfen müssen. Das Gutachten wird an diesem Donnerstag um elf Uhr im Haus der Bayerischen Wirtschaft in München vorgestellt, per Livestream wird die Präsentation auch ins Internet übertragen, wo sie auch auf SZ.de zu sehen sein wird. Danach will die Kanzlei den Text auf ihrer Webseite veröffentlichen. Die Bistumsverantwortlichen erfahren nach Angaben der Anwälte erst gleichzeitig mit der Öffentlichkeit vom Inhalt. Das Erzbistum München und Freising hat seinerseits für Donnerstag in einer Woche zu einer Pressekonferenz eingeladen, um "nach einer ersten Prüfung" Stellung zu nehmen.

Die Kanzlei hatte im Dezember 2010 bereits eine Untersuchung für das Erzbistum München und Freising erstellt, den gesamten Text bekamen damals aber nur Erzbischof Marx und der damalige Generalvikar Peter Beer zu lesen. Zur Begründung verwies die Bistumsleitung damals auf den Datenschutz. WSW hatte neben einem Gutachten für das Bistum Aachen auch das erste Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln erstellt, das dann von Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki zurückgezogen wurde. Woelki machte damals methodische Mängel und äußerungsrechtliche Probleme geltend.

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