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Missbrauch in der katholischen Kirche:Der Skandal lebt fort

Zehn Jahre Aufdeckung Missbrauchsskandal

Die tatsächliche Aufarbeitung der Gewalttaten in der katholischen Kirche steht auch zehn Jahre nach dem ersten Artikel in der Morgenpost immer noch am Anfang.

(Foto: dpa)

Die Mauern des Schweigens haben nun Risse - doch zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals steht die Aufklärung der Gewalttaten immer noch am Anfang.

Es wird ein Rätsel bleiben, warum ausgerechnet der 28. Januar 2010 alles änderte. Warum gerade ein Bericht der Berliner Morgenpost über die sexuelle Gewalt am Canisius-Kolleg der Jesuiten die Lawine lostrat, die dann die katholische Kirche im ganzen Land überrollte und selbst den Papst in Rom erschütterte. Es war ja nicht die erste Geschichte über Priester und Ordensleute, die sich an Kindern und Jugendlichen vergangen hatten. 2002 wühlten die Recherchen des Boston Globe über einen priesterlichen Serientäter und seine kirchlichen Beschützer die USA auf, da gab es auch in Deutschland Geschichten über Missbrauch. Doch Aufmerksamkeit und Zorn legten sich; die Opfer mussten sehen, wie sie zurechtkamen.

Auf einmal aber schaute die bundesdeutsche Öffentlichkeit mit schreckgeweiteten Augen hin. Vielleicht, weil die Betroffenen des Canisius-Kollegs ehemalige Eliteschüler waren, sprachfähig, tatkräftig, gut vernetzt - und keine Heimkinder, denen man eingebläut hatte, dass sie nichts wert seien und den Mund zu halten hätten. Vielleicht, weil hier Männer an die Öffentlichkeit gingen, nicht Frauen, bei denen der sexuelle Übergriff traurigerweise immer noch als allgemeines Lebensrisiko gilt. Oder weil es in dem Jesuitenpater Klaus Mertes einen Schulleiter gab, der einfach das Richtige tat und sagte.

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Vor allem aber war in diesem eiskalten Frühjahr 2010 die Macht der Institution katholische Kirche gebrochen, die so viele Jahre das Schweigen geboten und durchgesetzt hatte. Nun redeten die Betroffenen. Sie erzählten von ihrer Hilflosigkeit und ihrem Alleinsein, wie die Taten ihr ganzes Leben belastet und oftmals auch zerstört hatten. Sie offenbarten den Abgrund, der sich zwischen dem rigorosen moralischen Anspruch der Kirche und dem zynischen Missbrauch der Religion und der klerikalen Macht auftat. Und sie trafen endlich auf eine Öffentlichkeit, die ihnen zuhörte und glaubte und mit zunehmender Empörung begriff, dass die Gewalt und ihre Vertuschung System hatten. Dass damals noch Bischöfe die Berichterstattung mit den Sittlichkeitsprozessen der Nazis verglichen, offenbarte den Kern des Problems: Die Kirche, die von der Liebe predigte, erwies sich als empathielos, kalt und darauf aus, mit aller Gewalt die Institution zu schützen.

Der 28. Januar 2010 war ein befreiender Tag in der Geschichte der Bundesrepublik, ein Tag der Wahrheit. Er war es zuerst für alle, die Jahrzehnte nicht hatten merken dürfen, was ihnen angetan wurde, die sich schämten, obwohl die Schande die Täter hätte treffen müssen. Er war es für die katholische Kirche, auch wenn das viele ihrer Vertreter lange nicht wahrhaben wollten. Es zeigten sich die Lebenslügen der Institution, die tiefe moralische und geistliche Krise, die der Skandal ja nicht verursachte, sondern offenbarte: Eine Kirche, die ihren Ruf durch Vertuschen aufrechterhalten muss, ist im Innern faul. Schließlich war der Skandal befreiend über die katholische Kirche hinaus. Ob an der Odenwaldschule, in der evangelischen Kirche, in Sportvereinen, an Schulen, in Heimen: Sexuelle Gewalt gilt seitdem nicht mehr als Kavaliersdelikt, sondern als Verbrechen. Sie aufzuklären und zu verhindern ist mit der Einrichtung eines Beauftragten der Bundesregierung auch eine Aufgabe des Staates geworden.

Die tatsächliche Aufarbeitung der Gewalttaten steht aber auch zehn Jahre nach dem ersten Artikel in der Morgenpost immer noch am Anfang, das ist der Skandal im Skandal. Erst jetzt haben sich die Bischöfe dazu durchgerungen, die Aufklärung der Taten und ihrer Vertuschung externen Kommissionen zu übertragen, die auch Zugriff auf alle Kirchenakten haben sollen - dem Kriminologen Christian Pfeiffer und den Forschern einer von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie wurde das noch verwehrt. Erst jetzt haben die Bischöfe Frauen und Männer aus dem Kirchenvolk gebeten, mit ihnen gemeinsam den strukturellen Ursachen der Gewalt auf den Grund zu gehen: dem Missbrauch von religiöser Macht und Männermacht, dem klerikalen Bund der Brüder, der Tabuisierung von Sexualität und Homosexualität, dem weitgehenden Ausschluss von Frauen von der Kirchenleitung. Und erst jetzt diskutieren die Bischöfe nennenswerte Entschädigungszahlungen für die Betroffenen - ohne sich bisher auf Summen einigen zu können, die einigermaßen anerkennen, was da an Leben zerstört wurde.

Vieles hat sich in diesen zehn Jahren zum Guten geändert: Eine Gesellschaft lernt nun hinzusehen, wenn Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan wird. Trotz der furchtbaren Taten und des furchtbaren Behördenversagens in Lügde und Bergisch Gladbach: Die Mauern des Schweigens haben nun Risse, durch die Licht ins Verdrängte kommt. Und eine Kirche lernt, sich den strukturellen Ursachen des Missbrauchs und seiner Vertuschung zu stellen - wenn es gut geht, zum Nutzen anderer Institutionen, die das auch tun müssen. Der Skandal aber, der im Januar 2010 begann, ist noch lange nicht vorbei.

© SZ vom 28.01.2020
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