Deutsche Bischofskonferenz:Katholische Kirche meldet so viele Austritte wie nie

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Ein Mann verlässt den Innenraum einer Kirche

Die katholische Kirche in Deutschland verliert zunehmend Gläubige.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)

Fast 360 000 Katholikinnen und Katholiken in Deutschland kehrten der Kirche im vergangenen Jahr den Rücken - ein neuer Höchststand. Und im laufenden Jahr könnten es durchaus noch mehr werden.

Von Kassian Stroh

Die Anzahl der Menschen, die aus der katholischen Kirche austreten, ist so hoch wie nie. Im vergangenen Jahr lag sie bei 359 338 Menschen, wie die Deutsche Bischofskonferenz mitteilte. Im Jahr 2020 wurden gut 220 000 Kirchenaustritte gezählt, im Jahr zuvor - vor der Corona-Pandemie - knapp 273 000. In Deutschland gibt es nun nur noch knapp 22 Millionen Katholikinnen und Katholiken.

Für die katholische Kirche war 2021 ein besonders kritisches Jahr, es war unter anderem geprägt von der tiefen Vertrauenskrise im Erzbistum Köln um ein Missbrauchsgutachten, das von Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki zunächst zurückgehalten worden war. Dort hat sich die Zahl der Austritte sogar weit mehr als verdoppelt. Deutschlandweit beträgt das Plus 62 Prozent.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sagte, die Zahlen zeigten "die tief greifende Krise, in der wir uns als katholische Kirche in Deutschland befinden". Er sei erschüttert über die extrem hohe Zahl von Kirchenaustritten. "Und zu diesen Zahlen müssen wir die Erkenntnis hinzulegen, dass mittlerweile nicht nur die Menschen austreten, die zu ihrer Pfarrei schon über einen längeren Zeitraum wenig oder sogar keinen Kontakt hatten, sondern es mehren sich Rückmeldungen, dass Menschen diesen Schritt gehen, die bisher in den Pfarreien sehr engagiert waren."

Auch im Jahr 2021 wirkte sich die Corona-Pandemie auf das kirchliche Leben aus: Die Zahl der Gottesdienstbesucher ging zurück, zugleich wurden aber mehr Trauungen und Taufen gefeiert - viele wurden vermutlich vom ersten Corona-Jahr 2020 nachgeholt. Die Zahl der Pfarreien hat sich in Deutschland weiter reduziert, auch die Zahl der Priester.

In Bayern steigen die Zahlen auch in diesem Jahr drastisch

In diesem Jahr könnten die Kirchenaustrittszahlen mancherorts sogar noch weiter steigen. Denn Ende Januar wurde das Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum München und Freising vorgestellt. Es geht von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern aus, zugleich aber von einer deutlich höheren Dunkelziffer - und erhob schwere Vorwürfe gegen mehrere leitende Vertreter der Kirche, bis hin zum früheren Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger, den emeritierten Papst Benedikt XVI.

Seitdem haben mehrere bayerische Großstädte einen sprunghaften Anstieg der Austrittszahlen registriert, wie die Deutsche Presse-Agentur recherchiert hat. Es gebe "so viele Kirchenaustritte wie noch nie", sagte der Sprecher des Kreisverwaltungsreferats München. Zwischen dem 1. Januar und dem 22. Juni dieses Jahres traten demnach in München 14 035 Menschen aus der Kirche aus - über alle Konfessionen hinweg. Im gleichen Zeitraum 2021 waren es gut 10 000 und 2019 mit gut 7500 noch deutlich weniger. Die Zahl 5538 aus den ersten sechs Monaten im ersten Corona-Jahr 2020 nannte Mayer wegen des Lockdowns schlecht vergleichbar.

In Regensburg, der Stadt, in der Ratzinger lebte und lehrte, stieg die Zahl der Austritte auf 2073 - im Vergleich zu 1239 im Vorjahreszeitraum. In Augsburg waren es 2068 Austritte im Vergleich zu 1406 im gleichen Zeitraum 2021, Ingolstadt zählte 1260 Austritte (Vergleichszeitraum 2021: 699). Die am Montag von der Bischofskonferenz veröffentlichten Zahlen spiegeln die Auswirkungen des Missbrauchsgutachtens nicht wider, sie beziehen sich nur auf das Jahr 2021.

Die evangelische Kirche hatte ihre Statistik bereits im März veröffentlicht. Demnach traten aus ihr im vergangenen Jahr 280 000 Menschen aus. Ende 2021 waren erstmals weniger als 20 Millionen Menschen Mitglied einer der 20 evangelischen Gliedkirchen in Deutschland.

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