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Kardinal Reinhard Marx:Marx hat es genossen, die Dinge voranzutreiben

Die Wege dieser Auseinandersetzungen und manchmal auch enervierenden Kleinkriege führten immer wieder nach Rom, ohne dass von dort die abschließende Antwort gekommen wäre. Mal gaben der Papst und die Kurienkardinäle dem Bischofskonferenzvorsitzenden Recht, mal seinen Kritikern, und manchmal auch nacheinander oder zugleich beiden: Der Brief von Papst Franziskus im Vorfeld des Synodalen Weges ermuntert die Kirche in Deutschland, mutig neue Wege zu gehen, aber sich nicht von der Weltkirche und ihren Lehren zu trennen - das kann nun jeder nach seinem Geschmack auslegen.

Ein Bischofskonferenzvorsitzender hat ohnehin nur begrenzte Durchsetzungsmacht, er ist eine Art Klassensprecher der Bischöfe. Laut Kirchenrecht ist jeder Bischof dem Papst verantwortlich und ansonsten weitgehend autonom in seinem Bistum. Auch das hat Marx immer durchaus schmerzhaft erfahren müssen: Eine Handreichung der Bischofskonferenz zu den wiederverheirateten Geschiedenen setzte jeder Bischof nach eigenem Dafürhalten um, ebenso jene Regeln im Arbeitsrecht, wonach Verstöße gegen die katholischen Lebensvorstellungen nur noch in Ausnahmen zur Entlassung führen. Auch bei den Voten des Synodalen Weges ist jeder Bischof frei, sie umzusetzen oder nicht. Für einen eher ungeduldigen Menschen wie den Münchner Kardinal ist diese Vermittlungsarbeit immer wieder eine Herausforderung - auch das dürfte dazu beigetragen haben, auf eine zweite Amtszeit zu verzichten.

Diese Entscheidung liegt aber durchaus auch in der Sache: In den sechs Jahren der Marx'schen Amtszeit ist eine jüngere Bischofsgeneration ins Amt gekommen, die für einen Neuanfang der katholischen Kirche stehen könnte und unbefangener als die Vorgängergeneration Konsequenzen aus dem institutionellen Versagen der Kirche beim Umgang mit der sexuellen Gewalt ziehen könnte: Franz Jung in Würzburg und Stephan Burger in Freiburg, Stefan Heße in Hamburg und Stefan Oster in Passau, Heiner Wilmer in Hildesheim und Peter Kohlgraf in Mainz.

Vor allem Heiner Wilmer aus Hildesheim hat darauf hingewiesen, wie sehr der Missbrauchsskandal das Selbstverständnis der katholischen Kirche trifft - und auch verändern muss. Größere Chancen als neuer Konferenzvorsitzender dürfte jedoch aus dieser jüngeren Generation der Mainzer Bischof Kohlgraf haben, der, bei klarer Haltung, vermittelnder formuliert als Wilmer, der doch einige der Konservativen verschreckt hat.

"Ich haben das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sehr gerne ausgeübt", schreibt Marx. Schöngefärbt ist das trotz aller Konflikte nicht. Marx, der Macher, hat es auch genossen, die Dinge voranzutreiben, gegen alle Widerstände. Geht hinaus, habt Mut - das hat er den Mitbrüdern immer wieder gepredigt. Traf man ihm zum Gespräch, sagte er aber auch immer häufiger, dass er nachdenklicher geworden sei, weniger drängend und fordernd als einst. Neben der lebensfrohen Seite des Zigarrenrauchers und einstigen Motorradfahrers sei die melancholische Seite stärker geworden. Auch das könnte dazu beigetragen haben, dass der Kardinal sagte: Nun ist es genug - und Zeit, Macht abzugeben.

© SZ/saul
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