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Katholische Kirche:Geboren unter Qualen

Der Synodale Weg ist keine Diskussionsübung, sondern ein gefährlicher Pfad. Die Debatte kann Kräfte freisetzen, die der Kirche bisher fremd waren. Mehr Freimut statt Autorität muss die Maßgabe sein.

Was bringt das alles? Was bringt es, dass 230 katholische Bischöfe und Abgesandte des Kirchenvolkes zwei Jahre lang debattieren, wie diese Kirche mit Macht umgehen und was sie über Sexualität und Homosexualität sagen soll; ob sie für oder gegen den Zölibat oder die Weihe von Frauen ist? Vielleicht bringt es am Ende nichts, ein paar wohlformulierte Voten bestenfalls, denen zwei Drittel der Bischöfe zustimmen können und die nicht das Veto aus Rom provozieren. Umsetzen kann ohnehin jeder Bischof, was er für angebracht hält. Die Krise der größten nicht staatlichen Institution in Deutschland wird das dann nicht beenden, das Vertrauen in sie wird weiter verdunsten.

Die erste Versammlung des "Synodalen Weges" in Frankfurt hat aber gezeigt, welche Chance in diesem aus Ratlosigkeit entstandenen und unter Qual geborenen Prozess steckt. Da erklärt der Regensburger Bischof Voderholzer, dass er sich unwohl fühle als Teil der konservativen Minderheit - und dann steht Mara Klein aus Magdeburg da und sagt, den Tränen nah, wie es ihr hier geht: jung, nicht männlich, nicht heterosexuell; dass alle sich unwohl fühlen müssten, die sexuelle Gewalt in der Kirche gebe allen Anlass dazu. Da offenbart Janosch Roggel aus dem Erzbistum Paderborn, dass ein Priester ihm diese Gewalt angetan hat und dass die Überlebenden des Missbrauchs auch im ehemaligen Dominikanerkloster in Frankfurt sitzen, mitten unter den Kirchenverantwortlichen. Solche Augenblicke lassen ahnen: Der Weg durchs Gestrüpp der Geschäftsordnungsanträge und erwartbaren Statements könnte sich lohnen.

Er könnte sich lohnen, weil es die verschiedenen katholischen Wirklichkeiten durcheinanderbringt, auch dank der streng alphabetischen Sitzordnung, die die zornige Frau neben den Bischof setzt, der sich um die wahre Lehre sorgt. Es könnte die Debatte bunt und kontrovers und produktiv werden, wenn nicht mehr das Amt oder der Professorentitel zählt, sondern das Argument - und auch mal einfach das, was einer von sich, seinem Leben und seinem Glauben erzählt.

Auf dem Synodalen Weg muss die Kirche Freimut üben. Mit Autorität kommt sie nicht weiter

Die konservative Minderheit war auf der ersten Versammlung des Synodalen Weges nicht deshalb schwach, weil sie trickreich an den Rand gedrückt wurde, wie ihre Vertreter kritisierten. Sie war schwach, weil sie sich hinter vorformulierten Statements verschanzte, weil sie zu erkennen gab, dass gerade die Debatte auf Augenhöhe ihr Problem ist und der gleiche Rang der Argumente. Dreißig Jahre haben die Konservativen in der katholischen Kirche nicht argumentieren müssen. Sie konnten, wenn es eng wurde, sich ins Autoritative flüchten. Das rächt sich nun, wo diese Zeit vorbei ist.

Die katholische Kirche muss auf ihrem Synodalen Weg eine Tugend üben, die in ihr lange verpönt war und jedem schaden konnte, der sie zeigte: den Freimut. Es ist der Mut zu sagen, was man denkt und fühlt; der Mut, den anderen zu irritieren und sich vom anderen irritieren zu lassen. Das wird für die Konservativen wie für die Reformer gelten, es wird wie eine Gehübung sein, wie wenn einer über Jahre nicht das Zimmer verlassen hat und nun über die Alpen laufen muss. Der Erfolg ist nicht garantiert. Doch welche Chance hätte diese Kirche sonst? Ihr Herr hat seinen Jüngern versprochen, bei ihnen zu sein alle Tage. Aber nicht den Erhalt einer unbeweglichen Klerikerkirche bis zum Jüngsten Tag.

© SZ vom 03.02.2020