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Katholische Kirche:Benedikts späte Reue

Nach Berichten über geistliche Diktatur: Der emeritierte Papst bedauert seine Unterstützung für die Münchner "Integrierte Gemeinde".

Von Matthias Drobinski

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich von der Münchner "Integrierten Gemeinde" distanziert, die er als Erzbischof von München, Präfekt der Glaubenskongregation und auch als Papst unterstützte. Ein Untersuchungsbericht des Erzbistums München aber attestiert der Gemeinschaft geistlichen Missbrauch von Mitgliedern und sektenähnliche Strukturen.

Ihm sei nicht bewusst gewesen, "dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, dabei auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren", schreibt Benedikt XVI. in der theologischen Fachzeitschrift Herder Korrespondenz. Offensichtlich sei er "über manches im Innenleben der IG nicht informiert oder gar getäuscht worden, was ich bedaure".

Die Mitglieder der Integrierten Gemeinde lebten seit dem Ende der 1960er-Jahre nach dem Vorbild der christlichen Urgemeinde in Hausgemeinschaften zusammen, sogenannten Integrationshäusern. Geleitet wurden die Gemeinschaften von Traudl Wallbrecher, die 2016 starb. Nach außen hin galt die IG als Beispiel des konsequenten christlichen Lebens. Renommierte katholische Theologen wie Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch schlossen sich der Gemeinschaft an. Josef Ratzinger folgte erstmals 1976 einer Einladung der Gemeinde. Als Erzbischof von München gewährte er ihr 1978 die kirchliche Anerkennung; er taufte Kinder von IG-Mitgliedern, weihte Gemeindemitglieder zu Priestern.

Wer sich nicht unterwarf, wurde bestraft

Immer wieder aber gab es auch Berichte über eine geistliche Diktatur von Traudl Wallbrecher. Der Untersuchungsbericht des Erzbistums München berichtete im Oktober 2019: "Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt" - auf Anweisung der Gemeindeversammlung hin. Die Versammlung habe auch entschieden, wann ein Paar Kinder bekommen sollte oder welche Berufe ergriffen werden sollten. Einkommen und Erbschaften seien auf die Gemeinde zu übertragen gewesen. Wer sich dem nicht unterwarf, sei mit Kontaktabbruch bestraft worden.

Die Herder Korrespondenz zitiert Briefe und Berichte von Betroffenen, die dies bestätigen. Von den angefragten Verantwortlichen der Gemeinde habe nur der Theologe Achim Buckenmaier geantwortet: Da die Gemeinde ihre Aktivitäten eingestellt habe, könne er sich "zu diesen Vorwürfen nicht mehr äußern".

© SZ/jok
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