Katholische Kirche:"Wir nehmen in den ostdeutschen Ländern eine zunehmende Kirchenfeindlichkeit wahr"

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Die Stadt der vielen Kirchen: Mariendom und Severikirche in der Erfurter Altstadt. (Foto: Martin Schutt/picture alliance/dpa)

In Thüringen hat die Kirche besonders wenige Mitglieder. Ausgerechnet hier, in Erfurt, beginnt in dieser Woche der Katholikentag. Mutig finden das manche, angesichts der politisch extrem aufgeheizten Stimmung.

Von Annette Zoch, München

77 Kirchen stehen in Erfurt, 22 davon drängen sich in der Altstadt der gar nicht mal so großen Landeshauptstadt Thüringens. Allein: Christen gibt es hier längst nicht so viele. 40 Jahre DDR haben in der religiösen Landschaft tiefe Spuren hinterlassen, der Osten Deutschlands gilt als eine der atheistischsten Regionen Europas.

Thüringen ist da keine Ausnahme, insgesamt nur 7,6 Prozent der Menschen gehören hier der katholischen Kirche an. Nur das Eichsfeld, eine über Jahrhunderte hinweg unerschütterlich katholische Region im Nordwesten des Landes, ist ein Sonderfall. Protestanten gibt es etwas mehr, nämlich 20,8 Prozent. Thüringen ist Stammland der Reformation. Martin Luther studierte in Erfurt, wurde im Dom zum Priester geweiht und lebte als Mönch im Erfurter Augustinerkloster.

Das Programm wurde deutlich abgespeckt

Und trotzdem wird Erfurt in dieser Woche zum Zentrum des katholischen Lebens in Deutschland, denn der größte katholische Laienverband, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), lädt zum 103. Katholikentag. 20 000 Menschen aus ganz Deutschland werden von Mittwochabend an hier erwartet.

Katholikentage finden alle zwei Jahre statt, der letzte 2022 in Stuttgart, in den Ausläufern der Corona-Pandemie. Damals waren die Teilnehmerzahlen deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben, der Schlossplatz blieb bei Gottesdiensten und Gebeten halb leer, im großen Stuttgart verlief sich das Treffen. Im kleinen, kompakten Erfurt soll das anders werden, auch das Programm wurde deutlich abgespeckt. Statt wie früher 1500 gibt es nur noch 500 Veranstaltungen.

Es ist in mehrfacher Hinsicht ein besonderes Katholikentreffen: Nicht nur, weil es in einer Region stattfindet, in der die Zahlen der Kirchenmitglieder so niedrig liegen - auch, weil es mitten im Wahlkampf stattfindet, in einer aufgeheizten Stimmung. In einer Gegend, in der sich die AfD anschickt, bei den bevorstehenden Landtagswahlen stärkste Kraft zu werden. AfD-Vertreter sind nicht eingeladen zum Katholikentag.

Ist das Treffen ostdeutsch genug?

Das Treffen steht unter dem Leitwort "Zukunft hat der Mensch des Friedens", es ist dem Psalm 37 entlehnt. Thematisch geht es um den Krieg in der Ukraine, aber auch um den Schutz der Demokratie und die anstehenden Europa- und Landtagswahlen. Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Außenministerin Annalena Baerbock und Vizekanzler Robert Habeck sind nur einige der prominenten Gäste.

Auch auf die friedliche Revolution und die deutsch-deutsche Einigung soll eingegangen werden. Gleichwohl gab es bei der Planung des Katholikentags Streit um zu wenig Ost-Perspektiven. Erfurts früherer Oberbürgermeister Manfred Ruge (CDU) hatte das öffentlich kritisiert und sich vom Vorsitz des Trägervereins des Katholikentags zurückgezogen.

"Das Programm enthält mehr als 70 Veranstaltungen mit dezidiertem Ost-Bezug", sagt heute die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. "In den vorbereitenden Gremien saßen ja auch immer mindestens zur Hälfte Menschen mit ostdeutschen Biografien, die sich aktiv eingebracht haben." Gleichzeitig nehme der Katholikentag wahr, dass den Menschen "zahlreiche Themen auf den Nägeln brennen, die sich nicht in 'Ost' und 'West' teilen lassen, schon gar nicht für die jüngeren Generationen." Dazu gehörten Friedensfragen genauso wie der Klimaschutz.

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Irme Stetter-Karp hofft, dass fürs bundesdeutsche Debattenklima ein Zeichen ausgeht vom Katholikentag: "Wir werden zeigen, dass man miteinander diskutieren, unterschiedliche Sichtweisen austauschen und nach Lösungen suchen kann, in Respekt und Wertschätzung füreinander", sagt sie. Die Grenze werde dort gezogen, wo rassistische oder antisemitische Überzeugungen vertreten werden oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu erwarten sei.

Der Bischof bekam polemische Mails

Erst jüngst hatten sich die deutschen katholischen Bischöfe in einer gemeinsamen Erklärung deutlich von der AfD distanziert, die evangelischen Kirchen ebenfalls. Er habe nach der Erklärung eine ganze Reihe polemischer E-Mails erhalten, sagt der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr, aber keine persönlichen Anfeindungen erlebt. "Allerdings habe ich auch sehr viele kritisch-nachdenkliche E-Mails von Katholikinnen und Katholiken erhalten, die mit der AfD liebäugeln, vor allem wegen der Position der AfD zu Fragen des Lebensschutzes", so Neymeyr.

Daher sei es wichtig, dass die Bischöfe sich auch deutlich für den Schutz des Lebens von Anfang bis Ende ausgesprochen hätten. "Anders als die AfD, der es beim Schutz des Lebens um völkische Ziele geht, betonen wir, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde und folglich jedes menschliche Leben, auch das ungeborene, geschützt werden muss."

Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr. (Foto: Martin Schutt/dpa)

Eine der 500 Veranstaltungen auf dem Katholikentag ist das Ökumenische Friedensgebet in der katholischen Kirche St. Lorenz. Das Friedensgebet findet, ganz unabhängig vom Katholikentag, schon seit 1978 jeden Donnerstag statt. Es ist das älteste Friedensgebet in Deutschland. Aus Protest gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts in den Schulen der DDR trafen sich damals zum ersten Mal katholische und evangelische Christinnen und Christen und beteten für Frieden. Sie tun das bis heute, jede Woche.

"Nach 1990 waren wir lange Zeit froh, dass wir die Konfrontation der hochgerüsteten Blöcke überwunden hatten", sagt Matthias Sengewald, einer der Organisatoren des Friedensgebets. "Jetzt ist das Gefühl vorherrschend: Wir müssen doch wieder anfangen. Wir waren damals und wir sind immer noch so naiv zu glauben, dass Beten hilft. Unser naiver Glaube, dieser einfältiger Glaube im positiven Sinne, ist uns geblieben, er ist tragendes Fundament."

Die Enthemmung trifft auch Christen

Dass das Bistum Erfurt den Katholikentag ausrichtet, nennt Sengewald "sehr mutig": "Als Christen werden wir durchaus auch angefeindet. Wir nehmen in den ostdeutschen Ländern eine zunehmende Kirchenfeindlichkeit wahr, die an die Zustände in der DDR erinnert, obwohl hier ja inzwischen die dritte oder vierte Generation lebt, die gar keinen Bezug mehr zur Kirche hat." Die Enthemmung, die sich durch die AfD und rechtsradikale Kräfte verbreite, treffe auch die Kirchen.

Matthias Sengewald selbst ist evangelisch, aber in Erfurt unterscheidet man da nicht so penibel. Auch das ist eine Besonderheit. Ökumene ergibt sich hier ganz natürlich und ganz zwangsläufig: "Wir hätten den Katholikentag nicht realisieren können ohne die tatkräftige Unterstützung der evangelischen Mitchristen in der Stadt Erfurt", sagt Bischof Neymeyr.

Nachdem sich in Deutschland immer weniger Menschen zur Kirche bekennen, ist Erfurt vielleicht auch ein Vorgeschmack auf die neue Normalität? Was können die Gläubigen im Rest des Landes von Thüringen lernen? "Hier kann man lernen, dass diese Minderheitensituation nicht zu Kleinmut führt, sondern vielmehr die Überzeugung das Selbstbewusstsein stärkt", sagt Ulrich Neymeyr. Dies sei auf jeden Fall ein Lernfeld für die Kirche in ganz Deutschland, sagt Irme Stetter-Karp: "Es wird immer mehr zur Normalität, 'Kirche für andere' zu sein, so wie engagierte Christinnen und Christen in der DDR dies umgesetzt haben."

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