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Kataloniens Wunsch nach Unabhängigkeit:Aufbegehren im Schatten Schottlands

Die Welt schaut auf Schottland. Doch die Katalanen fordern von Spanien schon seit Jahren ihre staatliche Souveränität. Was steht da an?

Felipe VI., Spaniens neuer König, hat Pech mit seinem Namen. Denn in der Reihe seiner Namensvettern steht unmittelbar vor ihm Philipp V., der erste spanische Bourbone, der vor genau 300 Jahren die Autonomierechte der Katalanen abgeschafft hat. Zur Bekräftigung seiner Entscheidung ließ er einige der Vertreter der widerspenstigen Oberschicht von Barcelona köpfen oder erdrosseln.

Eine Neuauflage erlebte dieser historische Konflikt im spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939: Katalonien war Hochburg der Republikaner, nach ihrer Niederlage ließ auch der Diktator Franco die Elite von Barcelona verfolgen und die katalanische Kultur unterdrücken. Allerdings ist Franco seit 39 Jahren tot, Spanien ist eine funktionierende Demokratie, und Katalonien verfügt wieder über weitreichende autonome Rechte.

Warum also fordert jedes Jahr am 11. September, dem Jahrestag der Niederlage gegen den Bourbonenkönig, rund eine Million die staatliche Souveränität? Warum macht es so wenig Eindruck, wenn nun etwa Felipe VI. die kulturellen wie wirtschaftlichen Leistungen der Region in der Nordostecke der Iberischen Halbinsel bei jeder Gelegenheit lobt und das in exzellentem Katalanisch?

Madrid sei Schuld an der spanischen Wirtschaftskrise

Neben den historisch begründeten Emotionen führen Soziologen auch starke Mentalitätsunterschiede zwischen Madrid und Barcelona an: In den Städten Kataloniens entwickelte sich ein selbstbewusstes Bürgertum, das die lokalen Angelegenheiten selbst in die Hand nahm. Madrid aber war stets von einer streng hierarchischen Gesellschaft mit dem König an der Spitze geprägt.

Vor allem aber nennen die für die Unabhängigkeit eintretenden Regionalparteien, die im Parlament von Barcelona drei Viertel der Sitze einnehmen, wirtschaftliche Gründe: Die Zentralregierung in Madrid benachteilige Katalonien beim regionalen Finanzausgleich; auf sich allein angewiesen stünde die Industrie- und Touristikregion, die ein Fünftel der spanischen Wirtschaftsleistung erbringt, deutlich besser da.

Die große Mehrheit der Katalanen gibt der Zentralregierung auch die Schuld an der spanischen Wirtschaftskrise. Die Katalanen gelten als fleißig, sogar als ein wenig geizig und sie unterstellen fast dem gesamten Rest des Landes einen Hang zum Müßiggang und zur Verschwendung.

Die Regierung lehnt jedes Gespräch über Zugeständnisse ab

Der gemäßigt konservative Regionalpräsident Artur Mas möchte in einem Referendum die Einwohner Kataloniens darüber entscheiden lassen, ob der Weg zur Unabhängigkeit eingeschlagen werden soll. Dies ist so vorsichtig formuliert, weil die spanische Verfassung weder die Abspaltung einer Region, noch ein Referendum auf regionaler Ebene zulässt.

Sein Opponent Mariano Rajoy, der Chef der konservativen Zentralregierung in Madrid, lehnt deshalb jedes Gespräch über Zugeständnisse an Barcelona kategorisch ab und er weiß dabei die überwältigende Mehrheit seiner Landsleute hinter sich. Entsprechend ist Mas für die Spanier außerhalb Kataloniens eine Hassfigur, nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei den Linken.

Da Mas aber nicht seine Absetzung wegen Verfassungsbruchs riskieren möchte, hat er für Barcelona bereits einen Ausweg aufgezeigt: statt des Referendums vorgezogene Regionalwahlen. Die meisten Parteien dürften dann die staatliche Unabhängigkeit ganz oben in ihrem Programm aufführen.

Rajoy und auch Felipe VI., die ja Garanten der Einheit des Königreichs sein sollen, müssten sich dann endlich bewegen, um wenigstens einen Teil der von Madrid fortstrebenden Katalanen emotional einzubinden. Aber erst einmal schaut alles nach Schottland. In Madrid drückt man den Engländern die Daumen, obwohl man ihnen eigentlich immer noch übel nimmt, dass sie vor ebenfalls drei Jahrhunderten den Spaniern Gibraltar weggenommen haben.

© SZ vom 12.09.2014
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