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Kataloniens Regierungschef:"Verzockt!", jubelt die Madrider Presse

Die Madrider Presse konnte nun über Barcelona nahezu unisono jubeln: "Verzockt!" Puigdemont und seinen Mitstreitern hätten Bilder von Massendemonstrationen unter wehenden blauen Esteladas den Blick auf die Realitäten verstellt, hieß es. Sonst wären sie kaum auf die verwegene Idee bekommen, nach den Regionalwahlen von 2015 die Unabhängigkeitskampagne zu beginnen. Denn damals hatten die Parteien, die sich kompromisslos für die Trennung von Spanien ausgesprochen hatten, ganze 48 Prozent der Stimmen bekommen, also nicht die absolute Mehrheit. Allerdings reichte es für eine knappe Mehrheit der Mandate. Das umstrittene Referendum vom 1. Oktober bestätigte allerdings, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten in Katalonien den Kurs der Unabhängigkeit nicht unterstützt.

Premier Rajoy ist kein nationalistischer Scharfmacher, doch ihm fehlt es an Empathie

Soziologische Untersuchungen veranschaulichen, warum dies so ist: Nur ein Drittel der insgesamt 7,5 Millionen Einwohner der Region bezeichnet sich ausschließlich als Katalanen, ein weiteres Drittel ausschließlich als Spanier, der Rest möchte beides sein. Die Massenkundgebungen der Gegner der Unabhängigkeit vom vergangenen Wochenende haben gezeigt, dass diese "schweigende Mehrheit" weiterhin auf eine Zukunft Kataloniens als Teil Spaniens setzt, auch wenn zweifellos ein beträchtlicher Teil der Demonstranten aus anderen Regionen Spaniens angereist ist.

Es liegt nun in der Hand der Zentralregierung, ob sich die Emotionen in Katalonien beruhigen oder ob sich die Region weiter destabilisiert. Rajoy und seine Minister haben es bislang versäumt, die positiven Seiten der spanischen Einheit herauszustellen. Zudem hat Rajoy Zugeständnisse beim Finanzausgleich zwischen den Regionen abgelehnt. Sein Wirtschaftsminister Luis de Guindos hat allerdings signalisiert, dass er hier durchaus Spielraum sehe.

Politik Spanien Puigdemont wählt den Weg der Vernunft - Rajoy muss folgen

Katalonien

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Der katalanische Premier verzichtet auf den Vollzug der Unabhängigkeit seiner Region. Er entsagt so im erbitterten Streit mit Madrid einem unkalkulierbaren Abenteuer.   Kommentar von Stefan Ulrich

Einigkeit herrscht unter den Kommentatoren, dass Rajoy gestärkt aus dem Konflikt hervorgegangen ist, der noch vor wenigen Tagen für ihn bedrohliche Dimensionen anzunehmen schien. Der so dröge wirkende Rajoy ist keineswegs ein nationalistischer Scharfmacher, er hat die konservative Volkspartei (PP) ein beträchtliches Stück in die Mitte gerückt. Er hat den nationalklerikalen Flügel isoliert, sich als Frauenförderer profiliert und auch eine viel beachtete Geste gemacht: Er trat auf der Hochzeit eines PP-Nachwuchspolitikers auf, der bekennender Homosexueller ist und der seinen Lebensgefährten heiratete.

Auch hat er bislang die Korruptionsaffären von PP-Politikern überstanden. Doch verfügt er nicht über die Gabe, durch freundliche Gesten und Empathie den politischen Gegner einzubinden. Andernfalls wäre es vermutlich nicht zur Eskalation der vergangenen Wochen gekommen.