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Katalonien:"Sieg des Rechtsstaats und der Demokratie"

Die spanischen Behörden gehen entschlossen gegen das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien vor. Ihnen schallt ein Schlachtruf der Franco-Gegner entgegen.

Die Aktion dauert knapp 20 Minuten: 17 Mannschaftswagen der nationalen Polizei fahren mit Blaulicht vor der Jesuskind-Schule in Barcelonas Stadtteil Sant Gervasi vor, das Ende der Kolonne bilden zwei leuchtend gelbe Notarztwagen. Es regnet in Strömen, als eine halbe Hundertschaft in schwarzer Kampfmontur Aufstellung nimmt, die Helme aufgesetzt, die Schilde in Position. Ihnen stehen mehrere Hundert Demonstranten gegenüber, die singend den Eingang zur Schule blockieren. In dem Gebäude soll über die Unabhängigkeit Kataloniens abgestimmt werden.

Der Einsatzleiter hält mit ruhiger Stimme eine kurze Ansprache auf Spanisch: "Wie alle wissen, ist diese Abstimmung illegal. Ich bitte Sie höflichst, den Weg freizumachen, damit wir unseren Auftrag ausführen können!" Ansonsten müsse er seine Leute bitten, den Weg frei zu machen. Der Mann zeigt auf zwei seiner Polizisten, die mit Gewehren zum Abschuss von Tränengaspatronen bewaffnet sind. Hier, vor der Schule in der Travessera de Gràcia, der Gnadenstraße, bleibt es am Sonntagvormittag bei Drohgebärden. Anderswo in der Stadt setzt die Polizei Gummigeschosse ein, es gibt Dutzende Verletzte.

Spanien

Ein Land in Anspannung

Aus den hinteren Reihen der Demonstranten sind Pöbeleien zu hören, "uniformierte Nutten!", rufen ein paar junge Männer. Doch ihre Stimmen verlieren sich in dem Chorus, den die Menge anstimmt: "No pasarán!" (Sie kommen nicht durch!), der legendäre Schlachtruf gegen Francos Truppen im Spanischen Bürgerkrieg. Barcelona stand damals auf Seiten der Republik.

Der Auftrag der Polizei ist klar: die Wahllokale "deaktivieren", wie es ein Sprecher des Innenministeriums in Madrid nannte. Sie sollen die Wahlurnen und Stimmzettel beschlagnahmen. Das Verfassungsgericht hatte das Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens für illegal erklärt. Eine ganze Reihe von Urteilen verpflichtete in der Folge die Behörden, alle erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die Abstimmung zu blockieren.

Mariano Rajoys konservative Regierung in Madrid hat in den letzten Wochen mehrere Tausend Polizisten aus anderen Regionen Spaniens nach Katalonien beordert, da sie sich nicht auf die Regionalpolizei, die Mossos, verlassen wollte. Diese bekamen wiederum von Carles Puigdemonts Regionalregierung in Barcelona die Anweisung, sich auf gar keinen Fall dem Druck Madrids zu beugen. Ein Loyalitätskonflikt, den die Mossos offenbar bislang lösen, indem sie sich passiv verhalten.

Ada Colau, die linksalternative Oberbürgermeisterin von Barcelona, wirft Rajoy vor, monatelang den Dialog mit der katalanischen Führung verweigert zu haben. Bei einem Treffen mit Demonstranten gibt sie ihm die Schuld an der Eskalation. Die Polizeigewalt beschädige das politische Bewusstsein der jungen Generation schwer. "Rajoy ist ein Feigling", erklärt sie.

Handybilder zeigen blutüberströmte Katalanen

Die Menge vor der Jesuskind-Schule versucht ein paar Momente, den vorrückenden Polizisten standzuhalten, weicht dann aber doch zur Seite. Dutzende Handys nehmen das Geschehen auf, Fernsehreporter interviewen eine ältere Frau mit einer blutenden Kopfverletzung. Offenbar hat sie den Schild eines Polizisten ins Gesicht bekommen. Schlagstöcke kamen hier nicht zum Einsatz.

Bilder aus der Travessera de Gràcia und anderen Teilen der Stadt verbreiten sich am Sonntag im Nu über die sozialen Medien, auch die regionalen Fernsehsender strahlen verwackelte Handy-Aufnahmen aus, die das Vorgehen der nationalen Polizeitruppe in allen Ecken Kataloniens dokumentieren. Aus mehreren Orten wird von Prügeleien zwischen Polizisten und Demonstranten berichtet, Bilder zeigen blutüberströmte Menschen. An mehreren Orten kommen Gummigeschosse zum Einsatz, Demonstranten zeigen Wunden und blaue Flecken, die die Geschosse verursacht haben.

Der sichtlich besorgte Fahrer eines der Notarztwagen vor der Jesuskind-Schule schüttelt den Kopf: "Das alles hier macht die Lage nur viel schlimmer." Ein Regierungssprecher im fernen Madrid erklärt dazu: "Es ist ein Tag, der als Sieg des Rechtsstaats und der Demokratie in die Geschichte eingehen wird."