Süddeutsche Zeitung

Katalonien:Der Träumer Puigdemont ist gescheitert

Die Brüssel-Reise des ewig lächelnden Katalanen gleicht einer Flucht, selbst viele Verbündete rücken von ihm ab. In Spanien neue Brücken zu bauen, wird eine Generationenaufgabe.

Ist der abgesetzte katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont nach Brüssel geflohen? Oder hat er dort nur einen Anwalt konsultiert, der als Rechtsvertreter von Mitgliedern der baskischen Terrororganisation Eta große Erfahrung im Aushandeln von Kompromissen mit dem spanischen Staat gesammelt hat? Wollte die bisherige Parlamentspräsidentin Carme Forcadell nach Marseille fliehen, um der ihr ebenfalls drohenden Gefängnisstrafe wegen Rebellion, Ungehorsam und Zweckentfremdung öffentlicher Mittel zu entgehen? Die spanischen Medien sind voller Gerüchte und Spekulationen, die alle eines gemeinsam haben: Sie zerstören den Ruf der Spitzenleute der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, die sich selbst als unerschrockene Widerständler im Kampf gegen das arrogante und ausbeuterische Madrid sahen.

Sicher ist nur eines: Der ewig lächelnde Puigdemont und die streitbare Forcadell sind gescheitert, weil ihr Traum von der Unabhängigkeit in Brüssel energisch abgelehnt und von der Geschäftswelt torpediert wurde - ganz abgesehen davon, dass nur wenig mehr als ein Drittel der Bevölkerung ihn unterstützte. Der Flug Puigdemonts nach Brüssel, von den spanischen Medien als Flucht bespöttelt, war für die Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung ein herber Schlag.

Nachdem bereits vor zwei Wochen ihre beiden wichtigsten Organisatoren in Untersuchungshaft gekommen waren, hat nun auch ihr oberster Repräsentant eine Art politischen Selbstmord begangen, anstatt erhobenen Hauptes ein neuer Märtyrer in der langen Geschichte der katalanischen Rebellionen gegen Madrid zu werden.

Madrids zentralistische Politik trägt auch Schuld an der Misere

Seine Koalitionspartner, die traditionsreichen Linksrepublikaner, die während der Franco-Diktatur verfolgt wurden, haben sich von Puigdemont abgewandt. Entgegen den Befürchtungen in Madrid haben sie nicht zum Generalstreik aufgerufen, der die spanische Wirtschaft wohl empfindlich treffen würde; vielmehr haben sie ohne langes Zögern Neuwahlen für Katalonien akzeptiert.

Die Katalanischen Europäischen Demokraten, denen Puigdemont angehört, sind ebenfalls eingeknickt; zu der Klientel der liberalkonservativen Gruppierung gehört die Unternehmerschaft - und dort war man alles andere als erfreut über die Eskalation des Konflikts. Die Wirtschaft braucht nun einmal Rechtssicherheit; Puigdemont war schon lange vor dem vergangenen Freitag, als der spanische Premier Mariano Rajoy die katalanische Führung für abgesetzt erklärte, von den eigenen Leuten zum Abschuss freigegeben.

Rund zweieinhalb Millionen Wähler in Katalonien haben auf die Unabhängigkeit gehofft. Vor allem die junge Generation ist von der Welle erfasst worden, was nicht zuletzt die Folge eines Geschichtsunterrichts in der Region war, der das Trennende und nicht das Verbindende zwischen den Katalanen und den anderen Spaniern hervorhebt. Die Madrider Medien beklagen eine systematische Manipulation der jungen Katalanen "in antispanischem Geist". Hier neue Brücken zu bauen, wird eine Generationenaufgabe sein.

Dabei ist besonders die Zentralregierung gefordert. Sie sollte Verständnis zeigen für den anderen Blick der Katalanen auf die gemeinsame Geschichte - Stichwort: Repression unter Franco. Madrid sollte endlich auch der künftigen Führung in Barcelona eine beträchtlich erweiterte Verfügungsgewalt über die in der Region erwirtschafteten Steuermittel einräumen. Dass der Konflikt so eskalieren konnte, ist auch das Ergebnis einer kurzsichtigen zentralistischen Politik Rajoys. Sein Kurs hat dazu geführt, dass Träumer wie der nette, aber überforderte Puigdemont und Eiferer wie Carme Forcadell das ganze Land in eine Staatskrise manövrieren konnten.

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SZ vom 02.11.2017/ihe
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