Kaschmir "Zynische Kalkulation"

Überschäumende Wut: Wie hier bei einer Demonstration in Delhi ist der Ärger in Indien über Pakistan massiv.

(Foto: Sajjad Hussain/AFP)

Indien wählt bald ein neues Parlament - das hat große Bedeutung für die Frage, wie Delhi auf den Terroranschlag in Kaschmir reagieren wird.

Von Arne Perras, Singapur

Die Inder warten Tag um Tag, und die Pakistaner auch. Was wird Narendra Modi jetzt tun? Unmittelbar nach dem Selbstmordattentat in Kaschmir, bei dem 40 indische Soldaten starben, drohte der indische Premier, dass die Verantwortlichen einen "sehr hohen Preis" für die Tat bezahlen müssten. Mitglieder seines Kabinetts zeigten schnell auf den Nachbarstaat im Westen, in Delhi ist man davon überzeugt, dass das pakistanische Militär und der dortige Geheimdienst ISI hinter der Terrorattacke stecken.

Doch eine Woche nach dem schwersten Anschlag in der Bergregion seit drei Jahrzehnten ist keineswegs klar, welche Mittel Modi als Antwort einsetzen wird. Viele erwarten einen oder mehrere gezielte Militärschläge. Nur wo und wann sie kommen, das weiß keiner.

Was den Zeitpunkt eines möglichen Vergeltungsschlags angeht, rechnet der indische Anti-Terror-Experte Ajai Sahni mit einer "zynischen Kalkulation" der Regierung in Delhi. Das hat vor allem damit zu tun, dass Indien im April ein neues Parlament wählt. Die genauen Termine für die Abstimmung sind noch nicht bekannt, doch Sahni sagt: "Ein indischer Militärschlag ist nicht sofort zu erwarten, sondern näher an den Wahlen." Fliegt die Armee beispielsweise Luftangriffe auf Ziele im pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir, dürfte dies erst einmal die Popularität des Premiers steigern, der auch nach 2019 noch regieren will. Die nationalistischen Reflexe im Land sind stark, die Emotionen gehen hoch, wenn Terrorattacken die Spannungen zwischen Indien und Pakistan verschärfen. Insofern ist schon jetzt damit zu rechnen, dass die Konfrontation Modi eher nützen als schaden wird.

Andererseits spricht nicht viel für Überraschungen, wenn Sicherheitsexperte Sahni Recht behält. Im Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung erklärt der Analyst in Delhi: "Indiens militärische Optionen sind sehr begrenzt." Der Direktor des "Institute for Conflict Management" glaubt zwar, dass Indien mit militärischen Mitteln antworten wird, doch hält er es für unwahrscheinlich, dass dies in einen größeren Krieg münden wird. Indien und Pakistan hätten dafür keine ausreichenden militärischen Kapazitäten, sagt Sahni, keiner könne sich einen Krieg leisten. Und Indien fehlten schlicht strategische Pläne, um wirksam auf die Attacken zu antworten.

In früheren Schlachten gegen Pakistan behielt Indien zwar letztlich stets die Oberhand, doch muss Delhi künftig damit rechnen, dass sich andere Kräfte stärker einmischen als bisher. Die Sorgen in Delhi gelten dabei weniger den USA als der aufstrebenden Macht im Osten: China. Peking investiert Milliarden in sein Vorhaben einer neuen Seidenstraße. In keinem Land verfolgt China so ehrgeizige Pläne wie in Pakistan. Ein drohender Krieg zwischen Pakistan und Indien würde die Investitionsvorhaben empfindlich stören, vor allem den geplanten ökonomischen Korridor bis zum Indischen Ozean, der später auch militärisch-strategische Bedeutung erlangen könnte. Um seine Interessen zu schützen, müsste Peking entweder schlichtend zwischen Delhi und Islamabad eingreifen - oder, wenn das nicht mehr möglich ist, Stellung beziehen. Und das ist Delhis große Sorge. Indien und China belauern sich als rivalisierende Großmächte der Zukunft.

Pakistans Premier stellt klar: Sein Land werde nicht zögern, gegen Indien zurückzuschlagen

Schon die Möglichkeit, dass China als Verbündeter Pakistans Streitkräfte an der Grenze im fernen Nordosten mobilisieren könnte, beunruhigt Indien enorm, denn das bedeutete, dass der Staat im schlimmsten Falle an zwei sehr weit voneinander liegenden Fronten Truppen aufmarschieren lassen müsste - laut Sahni ein "unmögliches" Szenario für Delhi.

Pakistans Premier Imran Khan hat auf Indiens Drohungen erklärt, sein Land werde nicht zögern zurückzuschlagen. Islamabad hat nicht mehr allzu viele Freunde in der Welt und lobt vielleicht gerade deshalb auffallend oft die "Allwetterfreundschaft" mit Peking. Sushil Aroon, Kolumnist bei der indischen Onlinezeitung The Wire, glaubt, dass eher Peking als Washington intervenieren würde, wenn die Lage in Kaschmir weiter eskaliert. Beim letzten kriegerischen Konflikt in der gefährlichen Kargil-Krise war es noch Bill Clinton für die USA gewesen, der sich entschlossen dafür einsetzte, die Konfrontation zwischen den beiden südasiatischen Atommächten zu entschärfen. Aroon nennt Donald Trump "abgelenkt und inkompetent", er hat große Zweifel, dass der jetzige US-Präsident Ähnliches leisten könnte wie Clinton. In Indien wächst also das Bewusstsein, dass China immer mehr Gewicht und Einfluss bekommt, auch und gerade, wenn es um Krieg und Frieden in Kaschmir geht.

Jene Kräfte, die sich zur Terrorattacke in Kaschmir bekannten, können auf Rückhalt in Pakistan zählen, die Extremisten von Jaish e Mohamad (JeM) werden dort von vielen als Freiheitskämpfer für die muslimischen Brüder in Kaschmir gepriesen, obgleich die Gruppe offiziell verboten ist. Ihre Anführer bleiben dennoch unangetastet. Nach pakistanischer Lesart werden die Bewohner der Bergregion Kaschmir durch den indischen Staat und dessen Armee geknechtet und unterdrückt.

Indische Sicherheitsexperten haben keine Zweifel, dass JeM nach wie vor durch den pakistanischen Geheimdienst ISI beschützt werde. "JeM hat keine Möglichkeit, auf sich allein gestützt zu agieren", sagt Sahni. Ihren Anführer, Maulana Mazood Azhar, hatte Indien in den 1990er Jahren wegen terroristischer Umtriebe in Kaschmir gefangen, doch als Extremisten 1999 ein Flugzeug der Indian Airlines kaperten und nach Kandahar in Afghanistan umlenkten, wo damals die Taliban herrschten, ließ Indien den Terroristen Azhar in einem Austausch gegen Geiseln frei. Den Indern gilt der JeM-Chef seither als einer ihrer gefährlichsten Feinde.