Kaschmir-Konzert Misstöne im Mogul-Garten

Das Bayerische Staatsorchester und sein indischer Dirigent Zubin Mehta lösen mit ihrem Friedenskonzert in Kaschmir politischen Streit aus. Botschafter Steiner sieht das anders - und spricht von einem vollen Erfolg.

Von Arne Perras

Der Maestro hatte lang auf diesen Moment gewartet. Immer schon wollte der weltberühmte Dirigent Zubin Mehta ein Konzert in den Bergen von Kaschmir dirigieren. Am Samstag war es so weit. Organisiert von der deutschen Botschaft in Indien, waren der Maestro und das Bayerische Staatsorchester angereist, um am malerischen Dal-See, mitten in einem zauberhaften alten Mogul-Garten, Werke von Beethoven, Haydn und Tschaikowsky zu spielen.

Der Auftritt wurde über Fernsehkanäle in alle Welt übertragen, und neben den klassischen Stücken aus Europa war denn auch zu hören, wie das Münchner Orchester mit einheimischen kaschmirischen Künstlern zusammenspielte.

"Ehsaas-e-Kashmir" - Gefühle für Kaschmir - lautete das Motto des Konzerts. Der deutsche Botschafter Michael Steiner, der sehr viel Energie in dieses Projekt gesteckt hat, sprach von einem rein kulturellen Ereignis, das mit Politik nichts zu tun habe. Es diene als Brücke zwischen den Kulturen, und am Tag des Konzerts sah Steiner die Distanz von mehr als 7000 Kilometern zwischen München und Srinagar auf null zusammenschmelzen.

Doch andere Gräben, die mit Kaschmir und seiner komplizierten Geschichte zu tun haben, blieben bestehen und rückten im Laufe der Debatte um das Konzert erneut ins Licht. So entwickelte sich schon vor Anreise des Orchesters eine politische Kontroverse. Die Vorstellung, dass ein ausländisches Orchester von diesem Format mit einem weltberühmten Dirigenten an seiner Spitze in einem ideologisch und politisch stark aufgeladenen Konfliktgebiet ausschließlich als verbindendes Kulturereignis verstanden würde, erwies sich als Illusion.

Mehta hatte schon vor dem Auftritt immer wieder von der Kraft der Musik gesprochen, die Menschen zum inneren Frieden verhelfen könne. Doch Streit entstand vor allem deshalb, weil das Konzert nicht von allen als alleiniges Kulturereignis betrachtet wurde. Die deutsche Botschaft hat zwar mehrfach betont, dass sie nicht beabsichtige, mit dem Konzert Politik zu machen. Aber sie konnte nicht verhindern, dass andere darin genau dieses - nämlich ein politisches Signal - gesehen haben.

Kaschmirische Separatistenführer protestierten, weil mit so einem Auftritt der Eindruck befördert werde, alles in Kaschmir sei normal. Das Konzert diene dazu, die indische Herrschaft zu legitimieren, war aus ihrem Lager zu hören. Separatisten-Chef Syed Ali Geelani hatte bis zuletzt an die Deutschen appelliert, den Plan doch noch fallen zu lassen. Schließlich rief er zum Streik auf, viele Geschäfte blieben deshalb am Samstag geschlossen.

Wegen der massiven Sicherheitsvorkehrungen durch das indische Militär glich der Ort einer Festung, wie Reporter aus Srinagar berichteten. Die Times of India meldete, dass nur wenige Stunden vor dem Auftritt vier Menschen erschossen wurden, als sie versuchten, eine Polizeistation anzugreifen. Das Gefecht ereignete sich 50 Kilometer vom Auftrittsort entfernt und erinnerte an daran, dass die Berge noch immer umkämpftes Terrain sind. Kaschmir hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem der kompliziertesten Konfliktgebiete Asiens entwickelt, drei Nuklearmächte - Indien, Pakistan und China - erheben hier Ansprüche. Zu Spannungen kommt es vor allem an der sogenannten Line of Control, der Demarkationslinie, die den von Pakistan beherrschten Teil im Westen vom indisch beherrschten Teil im Osten trennt. Dort, wo die Inder die Macht haben, also in jenem Teil, wo auch das klassische Konzert stattfand, schwelt eine separatistische Rebellion, die für die Unabhängigkeit Kaschmirs kämpft. Viele Kaschmirer wollen wenigstens möglichst viel Autonomie erreichen.

Trotz der harten Debatte und der Kritik, die sich im Laufe der Woche zugespitzt hatte, sagte Botschafter Steiner nach seiner Rückkehr nach Delhi am Telefon: "Das Konzert war ein Traum." Den Vorwurf, dass es die indische Herrschaft legitimiert habe, lässt er nicht gelten. Weder die deutsche noch die indische Nationalhymne sei am Samstag gespielt worden - "und es wurde bewusst keine Einladung an die indische Staatsspitze ausgesprochen." Statt der erwarteten 1500 Gäste seien schließlich 2700 gekommen, für den Botschafter ein überwältigender Erfolg. "Wir hatten Kaschmiris aus allen Schichten als Gäste", versicherte Steiner. Zu behaupten, es sei nur ein Konzert für VIPs gewesen, treffe keineswegs zu.