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Kaschmir:Zerrieben zwischen aufgeplusterten Atommächten

India Prime Minister Narendra Modi At Red Fort For Independence Day Celebrations

Premierminister Narendra Modi spricht am Tag der Unabhängigkeit, am 15. August, in Delhi zu seinen Anhängern.

(Foto: Bloomberg)

Indiens Premier Modi hat die Autonomie Kaschmirs aufgehoben, ohne deren Bewohner zu fragen. Doch so lässt sich die Region nicht befrieden.

Indiens Premier Narendra Modi fühlt sich stark. Im Frühsommer hat er eine zweite Amtszeit für seine hindu-nationalistische Partei erobert, die Opposition liegt im Staub und wird sich so schnell nicht wieder erholen. Niemand ist weit und breit zu sehen, der Modis Macht gefährden könnte. Offenbar beflügelt ihn der Triumph so sehr, dass er nun das waghalsigste aller Vorhaben angepackt hat: Am 5. August löste er ein umstrittenes Wahlversprechen ein und entzog der Krisenregion Kaschmir per Dekret über Nacht die Autonomie.

Modi schleift damit Rechte, die seit mehr als 60 Jahren in der Verfassung verankert sind, das hat noch kein indischer Premier gewagt. Er schreitet forsch voran, auch weil er eine Zweidrittelmehrheit in beiden Parlamentskammern hinter sich weiß. Der Premier verspricht, Kaschmir völlig neu zu ordnen, er zeichnet rosige Bilder von einer Zukunft ohne Terror. Und es stimmt schon: Sollte es ihm gelingen, den kaschmirischen Knoten zu lösen, würde er wohl als größter indischer Premier nach Staatsgründer Jawaharlal Nehru in die Geschichte eingehen. Doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass Modi Kaschmir befriedet. Er dürfte sich an der Aufgabe kräftig verheben.

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Das liegt daran, dass er zwei Kraftzentren in diesem Konflikt völlig ignoriert. Erstens hat Modi autonome Rechte abgeschafft, ohne sein Vorhaben mit den Kaschmirern abzustimmen, geschweige denn diese davon zu überzeugen. Und zweitens scheint er zu glauben, dass eine Befriedung auch ohne Gespräche mit dem Nachbarn und Erzrivalen Pakistan möglich ist. Das aber wirkt abwegig, weil die islamistischen Extremisten ihre Rückzugsgebiete in Pakistan haben, anders wären sie kaum überlebensfähig. Ohne Vereinbarungen mit Pakistan lässt sich diese Gefahr kaum eindämmen.

Umgekehrt heißt dies: Frieden in Kaschmir ist nur mit dem Nachbarn, nicht ohne ihn zu haben. Modi entzieht sich dieser Logik, und das wird sich bald rächen. Denn ohne Ausgleich wird Kaschmir eine Arena der Konfrontation bleiben. Indien und Pakistan haben drei Kriege um das Gebiet geführt, beide Seiten kontrollieren jeweils nur einen Teil, und die militanten Gruppen, die Indien angreifen wollen, wechseln über die Waffenstillstandslinie hin und her.

Narendra Modis Kurs in Kaschmir gleicht dem Versuch einer Zwangsbeglückung, ausgerechnet in einem Gebiet, in dem die radikalisierte Jugend skandiert: "India go home!" Indien solle verschwinden. Warum diese jungen Leute, die sich schon jetzt wegen der rigorosen Militärmacht von Indien entfremdet fühlen, ausgerechnet durch noch mehr Druck dazu bekehrt werden könnten, Indien zu lieben, das bleibt Modis Geheimnis.

Wenn stimmt, was anonyme Quellen im Polizeiapparat bestätigen, sind Tausende Kaschmirer inhaftiert, unter ihnen alle politischen Führer. Das zeigt, dass Delhi Unruhen befürchtet. Das Gefühl vieler Kaschmirer, von einer arroganten Besatzungsmacht beherrscht zu werden, dürfte so kaum schwinden. Die Regierung in Delhi lässt keine ausländischen Reporter ins Krisengebiet, hat seit zwei Wochen Telefone und Internet in Kaschmir abgedreht, das legt die Vermutung nahe: Die Lage ist weitaus düsterer, als es Delhi öffentlich eingestehen möchte.

Nun ist es nicht so, als könnte Pakistan in Kaschmir eine reine Weste vorzeigen, im Gegenteil. Die Machthaber in Islamabad, die sich theatralisch als Hüter der Menschenrechte und Pate muslimischer Freiheitskämpfer inszenieren, haben den Terror in Kaschmir maßgeblich aufgepäppelt; das Ziel war stets, Indien zu schwächen. Immer waren den beiden Atommächten die eigenen Interessen wichtiger als die Befindlichkeiten der Kaschmirer. Doch deren Drang nach Eigenständigkeit ist groß.

Die Kaschmirer werden sich der Brechstangenpolitik nicht beugen

Die Last der Geschichte macht Versöhnung schwer. In den Neunzigerjahren flohen die Hindus aus Kaschmir, vertrieben von islamistischen Extremisten, deren Verbrechen bis heute ungesühnt ist. Umgekehrt beklagen muslimische Zivilisten in Kaschmir, dass indische Sicherheitskräfte bei Übergriffen stets straflos ausgehen. Wer nicht für Indien ist, gilt sofort als mutmaßlicher Terrorist.

Das Erbe der Gewalt macht Kaschmir zu einem emotional aufgeladenen Thema. Mit seiner Politik der eisernen Hand dürfte Modi seine Popularität in der indischen Hindu-Mehrheit noch steigern. Sein Kurs passt zu einer Partei, die religiös polarisiert. Dass sich die Kaschmirer der Brechstangenpolitik aus Delhi beugen werden, ist nicht zu erwarten. Es droht eine weitere Eskalation, womöglich mit neuen Terroranschlägen als Antwort auf Indiens Vorstoß.

Droht ein Krieg in Südasien? Derzeit hat keine Seite daran ein Interesse, dennoch wächst das Risiko. Die Chance für einen Brückenschlag zwischen Islamabad und Delhi ist gering. Es sieht so aus, als würde Kaschmir immer stärker zerrieben zwischen zwei aufgeplusterten, in Feindschaft vereinten Atommächten.

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