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Karlspreis:Von Aachen in die weite Welt

Der diesjährige Preisträger, UN-Generalsekretär António Guterres, bei seiner Rede im Krönungssaal des Aachener Rathauses.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Bei der Preisverleihung geht es diesmal ums "große Ganze", das zeigt schon der Preisträger. Und die Bundesregierung ist nicht dabei.

Es mögen drei Sonntagsreden sein, die an diesem Donnerstag im Aachener Rathaus gehalten werden. Aber jedem Redner sieht man an, wie ernst er seine Worte meint. Die Unterlippe von António Guterres zum Beispiel, dem heute wichtigs-ten Mann unter dem Gewölbe des Krönungssaals, zittert sichtlich, nachdem er gerade seinen leidenschaftlichen Appell für eine erneuerte EU vorgetragen hat: "Jetzt, als Generalsekretär der Vereinten Nationen, spüre ich so klar wie nie zuvor die Notwendigkeit für ein starkes und vereintes Europa!" Das Aachener Publikum stimmt dem Portugiesen mit Beifall zu - und der Oberbürgermeister der Stadt, Marcel Philipp, hängt dem Ehrengast die Medaille des Karlspreises um den Hals.

Doch trotz aller Feierlichkeit waren die Honoratioren vergrätzt. Denn jene Bundesregierung, die in New York gerade um mehr Einfluss in den Vereinten Nationen ringt, hielt es nicht einmal für nötig, beim Ehrentag für den europäischen UN-Chef dabei zu sein. Kein Minister, kein Staatssekretär fand den Weg nach Aachen. Im vergangenen Jahr hielt die Bundeskanzlerin noch die Laudatio auf Emmanuel Macron. Dabei geht es diesmal um mehr als um den alten Kontinent und den Europäer des Jahres, den die Kaiserstadt alljährlich kürt.

Man habe diesmal "die Flughöhe verändert", erläutert OB Philipps zur Begrüßung, "weg von der Tagespolitik, raus aus Europa!" Man wolle "das große Ganze sehen" - den Planeten also. Der CDU-Politiker spricht von "der Verantwortung, die wir Europäer für die Welt haben" - und meint den Klimaschutz. Philipps mahnt, "dass es so nicht weitergehen kann, nicht in Europa und nicht in der ganzen Welt", er schwärmt seinen zumeist gereiften Zuhörer von der jungen Generation vor, die "als großartige Bewegung" nun freitags nicht mehr zu Schule gehe: "mit Recht". Hinter ihm nickt Guterres.

Europa, der blaue Planet, das Weltklima - das ist der rote Faden an Himmelfahrt. Als heiße die Parole für Europas Würdenträger ab sofort "Thursdays for Future". Auch ein König stimmt mit ein. Felipe VI. von Spanien preist António Guterres, den früheren portugiesischen Ministerpräsidenten und UN-Flüchtlingskommissar, für dessen Einsatz für Migranten - und für dessen "Kampf gegen Klimawandel". Der Einsatz von Guterres diene "als Ermahnung, dass Europas Traum nicht an seinen Grenzen endet, sondern von Millionen in aller Welt geteilt wird."

Europäischer Traum? Solche Worte waren tags zuvor selten zu hören. Am Mittwoch hatte sich in Aachen das "Karlspreis-Europa-Forum" getroffen. Und Annegret Kramp-Karrenbauer war gekommen, um nach der Schlappe ihrer Partei bei der Europawahl nüchtern erste Schlüsse aus der Niederlage der CDU zu wagen. Ihre Partei sei beim Thema Klimawandel "nicht wirklich sprechfähig" gewesen, räumte die CDU-Vorsitzende ein. Als Volkspartei ringe ihre Union noch immer um eine abgewogene Strategie zu Umwelt und Wirtschaft: "Wir konnten die konkrete Antwort nicht geben", sagt Kramp-Karrenbauer, weshalb sie "immer in der Defensive" gewesen sei: "Das hat man gespürt."

Am Tag vor dem Karlspreis mag Kramp-Karrenbauer keine Visionen riskieren. Keine großen Gesten, wieder keine umfassen-de Replik auf die EU-Pläne von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Die CDU-Vorsitzende antwortet kleinteilig. Über ein milliardenschweres "Innovations-Budget" im EU-Haushalt könne man ja reden. Und eine Hürde für einen größeren deutschen Beitrag zur EU-Verteidigungspolitik will sie senken, ein bisschen jedenfalls: Für deutsch-französische Militäreinsätze könne sie sich vorstellen, nicht jedes Mal eine Zustimmung des Bundestags zu verlangen. Es gäbe da "gewisse Einsätze", bei denen der "Parlamentsvorbehalt anders aufgestellt werden" könne.

Die Aachener "Flughöhe" zu Himmelfahrt erreichte Kramp-Karrenbauer damit nicht. Antonio Guterres, der Preisträger, mahnt da die Deutschen, dringend mehr zu tun für den Klimawandel: "Europa muss den Weg weisen." Als ein Instrument empfiehlt der UN-Generalsekretär eine "Carbon-Tax", eine CO2-Steuer also. Was die Bürger da zahlten, könnten sie bei der Einkommenssteuer zurückbekommen. Wieder brandet Beifall auf. Nur NRW-Landesvater Armin Laschet (CDU) klatscht nicht mit.