Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch:"Als ob diese nur einen IQ von 80 hätten"

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SZ: Ist denn die Wehrpflichtarmee nicht die "intelligentere Armee"? Das haben viele Verteidigungsminister vor Ihnen verkündet.

Guttenberg: Das Argument der intelligenteren Armee halte ich für intellektuell sehr überschaubar. Es wäre ja auch eine Beleidigung für unsere vielen Berufs- und Zeitsoldaten, als ob diese nur einen IQ von 80 hätten und marodierend durch die Welt laufen würden. Was für ein Unsinn. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Nationen in der Nato und der EU, die ein Wehrpflichtmodell haben. Bei den meisten ist die Umstellung ohne große Probleme abgelaufen. Und in der Bundeswehr würde, selbst wenn die Wehrform reformiert wird, jeder Soldat weiterhin der inneren Führung unterliegen und Staatsbürger in Uniform sein; an dieser ethischen Verankerung würde sich gar nichts ändern.

SZ: Ist es nicht am Ende doch das Geld, das Sie treibt, oder besser: der Mangel an Geld?

Guttenberg: Nein. Zunächst ist entscheidend, was unser Land sicherheits- und verteidigungspolitisch braucht. Und dann darf man die Frage stellen, was ist uns eigentlich unsere eigene Sicherheit, erstklassige Ausrüstung und Ausbildung wert? Aber es wird keine Bundeswehr nach Kassenlage geben.

SZ: Was braucht das Land denn?

Guttenberg: Auch wenn es anders als während des Kalten Krieges keine unmittelbaren militärischen Bedrohungen an unseren Grenzen mehr gibt: Die Bundeswehr muss natürlich weiterhin in der Lage sein, Deutschland oder das Bündnisgebiet zu schützen. Sie muss aber gleichzeitig auch sogenannte hochintensive Einsätze und etwa Ausbildungs- und Beobachtermissionen im Ausland leisten können. Dafür muss sie flexibel, hochbeweglich und hochprofessionell sein.

SZ: Ist die Bevölkerung überhaupt bereit, das neue Soldatenbild mitzutragen?

Guttenberg: Ich stelle erfreut fest, dass der Respekt vor dem, was die Soldaten in diesen Einsätzen leisten, immer mehr wächst. Es gibt das "freundliche Desinteresse" der Bevölkerung an der Bundeswehr schon noch, das der frühere Bundespräsident Horst Köhler beklagt hat. Aber das Interesse nimmt zu.

SZ: Mit der Folge, dass die meisten Bürger die Soldaten lieber heute als morgen aus Afghanistan heimholen würden.

Guttenberg: Wenn wir die Debatte über Afghanistan ehrlich und realistisch führen, verstehen die Menschen auch besser, was unsere Soldaten dort leisten. Die Stimmung in Deutschland ist gegen den Afghanistaneinsatz, sie ist sehr negativ. Aber die Stimmung zu Hause ist nicht das einzige Kriterium. Wir müssen weiterhin erklären, warum es im Interesse unserer eigenen Sicherheit ist, dass wir dort sind.

SZ: Ist es nicht eine Illusion, dass wir die Soldaten in absehbarer Zeit wieder abziehen können?

Guttenberg: Das klingt in der Tat wie ein Paradoxon: Die Nato schickt - notwendigerweise - mehr Soldaten nach Afghanistan, um ihre Truppen schneller wieder abziehen zu können. Aber es ist richtig, und wir müssen uns von Träumen verabschieden. Afghanistan wird nie eine Demokratie nach unseren Maßstäben sein, und es wird nach menschlichem Ermessen auch nie ein gänzlich stabilisiertes Land werden.

SZ: Also werden die westlichen Truppen noch lange dort bleiben?

Guttenberg: Wir müssen uns in der internationalen Gemeinschaft sehr viel mehr Gedanken machen, wie wir den Abzug klug gestalten und auch die Nachsorge. Es wäre ja alles umsonst gewesen, wenn die Truppen abgezogen werden, und das Land wieder im Chaos versinkt. Wir dürfen nicht zulassen, dass von Afghanistan aus wieder eine Gefahr für die globale Sicherheit ausgeht wie vor dem Sturz der Taliban 2001, als das Land ein sicherer Hafen für die Terroristen der al-Qaida war. Wir müssen dafür sorgen, dass die Region nicht von radikalen Islamisten bestimmt wird. Dafür muss man aber nicht über die nächsten 20 Jahre Zehntausende schwer bewaffnete Soldaten am Hindukusch lassen. Aber einen gewissen Grunderfolg müssen wir zunächst dort erreichen.

SZ: Und dann könnte sich Afghanistan alleine behaupten?

Guttenberg: Es gibt ja auch die Möglichkeit, der Sicherheit der Region und damit der internationalen Gemeinschaft gegebenenfalls mit nachrichtendienstlichen Mitteln zu helfen, dem etwaigen Einsatz von Spezialkräften und moderner Nachrichtentechnik. All dies bedarf aber sauberer Rechtsgrundlagen und der internationalen Abstimmung.

SZ: Davon sind wir noch weit entfernt. Zunächst muss die Nato die wachsende Gewalt eindämmen - aber wie?

Guttenberg: Wir müssen den Taliban und ihren Unterstützern mit dem neuen Konzept der Nato ihre Rückzugsräume nehmen. Viele hat man duldsam ertragen, aber das wird nicht mehr gehen. Solche Rückzugsräume gibt es leider auch im Norden des Landes, zum Beispiel gleich in der Umgebung von Kundus, wo die Bundeswehr ihr Feldlager hat. Aber es gibt auch Erfolge. Im Norden Afghanistans sind zwar acht Distrikte derzeit als sehr gefährlich deklariert, in über 100 Distrikten gab es dagegen auch positive Entwicklungen: Keine Anschläge, Wiederaufbau, der Beginn eines normalen Lebens. Man darf nicht alles schlecht reden. Die Nato hat durchaus einiges erreicht.

Karl-Theodor zu Guttenberg, geboren 1971, ist seit 2009 Bundesminister der Verteidigung, zuvor war er Bundeswirtschaftsminister und Generalsekretär der CSU. Er gilt als Hoffnungsträger der CSU, hat aber ein schweres Amt übernommen. Gleich zu Beginn war er mit der Krise um den Luftschlag bei Kundus konfrontiert und entließ in einer umstrittenen Entscheidung Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert. Guttenberg plant eine Reform der Bundeswehr, die verkleinert und flexibler, angesichts der Sparbeschlüsse des Kabinetts aber auch billiger werden soll. Kanzlerin Angela Merkel hat er mehrere Modelle vorgelegt, die teils eine Aussetzung der Wehrpflicht vorsehen. Die Truppe bestünde aus freiwillig Dienstleistenden und Berufssoldaten. Die Wehrpflicht gibt es in der Bundeswehr seit 1956.

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