bedeckt München 22°

Sozialistin Eleanor Marx:Liebe bis in den Tod

Karl Marx mit (von links) seinen Töchtern Jenny, Eleanor und Laura, links hinten Friedrich Engels

(Foto: mauritius images / World Book In)

Wie die Tochter von Karl Marx und Übersetzerin des Literaturklassikers "Madame Bovary" an einen üblen Zeitgenossen kam und an ihm zugrunde ging.

Von Willi Winkler

Gustave Flaubert erfuhr von der Geschichte einer Ehebrecherin, die sich in der Nähe seiner Heimatstadt Rouen nach einer unglücklich verlaufenden Affäre das Leben genommen hatte. Daraus wurde sein berühmtester Roman, "Madame Bovary" (1857).

Fünf, sechs Jahre wendete Flaubert daran, kaute, schrie, spuckte die Wörter, formulierte die Sätze immer wieder um und litt mit seiner Heldin. Als er sie schließlich umbrachte, "hatte ich den Geschmack des Arseniks so deutlich im Mund und war ich selbst so davon vergiftet, dass ich nacheinander zwei Magenverstimmungen bekommen habe".

Große Literatur kann das, und sie kann verheerend sein in ihrer Wirkung. Flaubert hatte genau dafür ein Exempel an seiner romantischen Heldin Emma Bovary statuiert, die sich unbedacht in Liebesabenteuer stürzt und dafür bestraft wird. Das Buch kam wegen einiger anstößiger Szenen vor Gericht, galt aber schnell als Ur-Roman der Moderne.

1886, dreißig Jahre später und sechs nach Flauberts Tod, erschien beim Londoner Verlag Vizetelly die erste englische Übersetzung. Sie wurde dank des frühen Todes der Übersetzerin bald gemeinfrei und blieb deshalb in mehreren Bearbeitungen mehr als hundert Jahre lang die gebräuchliche Version im englischen Sprachraum. Bis 2007 erschienen davon fünfzehn weitere Ausgaben.

Vladimir Nabokov nutzte diese Übersetzung 1950 in seinem Seminar an der Cornell University, schimpfte aber über die "Klopse und einen Stil, der eine Beleidigung für Flaubert darstellt". Dann beleidigte er selber: "Die Dame kann weder Englisch noch Französisch, verfügt weder über Phantasie noch über Kenntnisse und ist blind und taubstumm in gleich mehrfacher Hinsicht."

Die Dame, auf der ersten amerikanischen Ausgabe von 1891 als Eleanor Marse Aveling ausgewiesen, war die jüngste Tochter von Karl Marx, was sie Nabokov, dessen Familie vor der Oktoberrevolution in den Westen geflohen war, sicher nicht sympathischer machte. Eleanor Marx, 1855 in London geboren, war wie Nabokov in mehreren Sprachen aufgewachsen, war literatur- und theaterbegeistert und der Liebling ihres "Dear Dada".

War er fort, machte sie ihm Vorwürfe wie eine ferngehaltene Geliebte. Im Englischen schlug das Deutsche durch: "Wenn ich ein Vöglein wär, flög ich zu dir." Sie war seine Sekretärin, Assistentin, zuletzt seine Pflegerin und die Frau, die seine Lehre unbedingt am Leben halten wollte.

Auch das hatte seinen Preis. Ihren ersten Geliebten, den französischen Sozialisten Prosper Olivier Lissagaray, der nach der Niederschlagung der Pariser Kommune nach London floh, durfte sie nicht heiraten, der Vater erlaubte es nicht. Nach Karl Marx' Tod wurde sie Opfer eines anderen Genossen: Edward Aveling. Der war glühender Atheist, Darwin-Anhänger, Dramatiker und sehr rücksichtslos. Die Zeitgenossen schilderten ihn als Ausbund von Hässlichkeit, als "Grobian" und schimpften ihn einen "elenden Hund". Als sicher gilt, dass er ein Schnorrer vor dem Herrn war und noch begabter als Verführer - sie liebte ihn dennoch.

Eleanor betrachtete sich als seine rechtmäßige Frau, fügte ihrem Namen den von Aveling an, trat mit ihm auf, agitierte, organisierte und fügte sich wieder. "Müßiggang ist aller Laster Anfang", soll ihr Wahlspruch gewesen sein, daher überließ sie die Laster anderen.

Unermüdlich schrieb sie Artikel und Pamphlete, sprach vor Hafenarbeitern, warb für den Acht-Stunden-Tag, übertrug zusammen mit anderen den ersten Band von Marx' "Kapital" ins Englische und bearbeitete den Bericht über die Kommune, den Lissagaray verfasst hatte.

Eleanor war eine moderne Frau und alles andere als ein Heimchen, sie diskutierte mit den Männern, sie rauchte in der Öffentlichkeit, sie fand Anerkennung. Zusammen mit Aveling veröffentlichte sie eine Abhandlung über die "Frauenfrage aus sozialistischer Sicht", aber das war genauso Literatur wie Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim".

Das Stück erlebte seine englische Uraufführung in der Wohnung des Paars. Aveling spielte Helmer, George Bernard Shaw den Krogstad und Eleanor die Nora, nur verließ sie selber das Puppenheim nie, vielleicht weil es gar keines war.

Nach heutigen Begriffen litt sie unter Essstörungen. Ihre Depressionen nahmen zu, Badereisen sollten helfen; die Psychoanalyse war noch nicht etabliert. Mitten in diesem politischen Tagwerk fand sie Zeit, "Madame Bovary" zu übersetzen, die Geschichte einer liebeskranken Frau.

Erst nach einigen Monaten erfuhr Eleanor, dass ihr Mann heimlich die 22-jährige Schauspielerin Eva Frye geheiratet hatte. In einem Brief an ihren Halbbruder Freddy Demuth zitierte sie das französische Sprichwort "Verstehen heißt verzeihen". "Ich habe viel gelitten, um zu verstehen, muss also nicht mehr verzeihen. Ich kann nur lieben."

Tod im Brautkleid

Aveling verließ sie und kehrte zurück, um sich pflegen zu lassen, nachdem er lebensgefährlich erkrankt war. Am 31. März 1898 zog sie ein weißes Brautkleid an, nahm Blausäure und starb, wohl nicht anders als Emma Bovary: "Ein krankhaftes Zucken lief durch ihren Körper, dann sank sie auf das Bett zurück. Sie lebte nicht mehr."

Die Zeitungen stürzten sich auf die Geschichte und nahmen sie als Beweis, dass es mit der sozialistischen Bewegung so weit nicht her war. Eduard Bernstein, ein Weggefährte von Friedrich Engels, wollte beweisen, dass Aveling Marx' Tochter auf dem Gewissen hatte. Von einem Selbstmordpakt war die Rede, den Aveling nicht eingehalten habe; tatsächlich zog er es vor, einen Pub aufzusuchen.

Anders als Emma hinterließ Eleanor einen Abschiedsbrief. Er war an Edward Aveling gerichtet: "Mein letztes Wort für Dich ist das gleiche wie in den langen, traurigen Jahren - Liebe."

© SZ vom 21.11.2020/odg
Zur SZ-Startseite
(FILE) 200 Years Since Birth Of Richard Wagner

Judenhasser und Komponist
:Der Paranoia-Fall Richard Wagner

Phantasien von brennenden Juden und ein Pamphlet voller Hass: Wie der Komponist Richard Wagner zum Vorreiter des modernen Antisemitismus avancierte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB