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Karawane zur US-Grenze:"Es sind die Elenden, die da marschieren"

Migrants, part of a caravan of thousands traveling from Central America en route to the United States, make their way to Tijuana from Mexicali, in Mexicali

US-Präsident Trump hat behauptet, unter den Migranten befänden sich Kriminelle und Menschen aus dem Nahen Osten. "Vollkommener Quatsch", sagt Moritz Krawinkel, "diese Leute haben das Allernötigste zusammengerafft und sich auf den Weg gemacht".

(Foto: REUTERS)

Immer mehr mittelamerikanische Migranten erreichen die Südgrenze der USA. Moritz Krawinkel hat sie begleitet. Er spricht darüber, warum die Menschen so entschlossen sind und was die westliche Lebensweise mit ihrer Flucht zu tun hat.

Wochenlang sind sie gelaufen, immer weiter in Richtung Norden. Unterwegs schwoll die Gruppe, die sich Mitte Oktober vom honduranischen San Pedro Sula aus auf den Weg gemacht hatte, zu einer immer längeren Menschenkarawane an. Die meisten trennen jetzt nur noch wenige Kilometer von ihrem Ziel, einem besseren Leben in den USA. 4500 Migranten aus Mittelamerika kampieren inzwischen in Tijuana, Tausende weitere sollen die Grenzstadt in den nächsten Tagen erreichen. Doch der Übergang San Ysidro gilt als nahezu unüberwindbar, es gibt drei Stahlzäune, Lichtschranken, Überwachungskameras. Und 5000 Soldaten, die US-Präsident Trump an die Grenze beordert hat, um den starken Mann zu markieren. Der Deutsche Moritz Krawinkel arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Medico International und spricht über die Eindrücke, die er auf dem Weg mit den Migranten durch Mexiko gewonnen hat.

SZ: Herr Krawinkel, Sie haben die sogenannte "Migrantenkarawane" eine Woche lang durch Mexiko begleitet. Was haben Sie da erlebt?

Moritz Krawinkel: Die Menschen machen wahnsinnige Strapazen durch, sie versuchen alles, um in die USA zu kommen. Auf LKWs, Flachlastern, Pick-Ups lassen sie sich manchmal ein Stück mitnehmen. Wenn das nicht klappt, laufen sie, und das bei Temperaturen von bis zu 37 Grad. Ich habe viele Menschen gesehen, die Wunden an den Füßen hatten. Aber sie gehen einfach weiter.

US-Präsident Donald Trump zufolge geht eine große Bedrohung von diesen Menschen aus. Er hat von einem nationalen Notstand gesprochen, 5000 Soldaten und 2000 Reservisten an die Grenze beordert und die dortige Polizei aufgestockt. Er hat gewarnt, unter den Migranten seien zahlreiche Kriminelle und Unbekannte aus dem Mittleren Osten. Deckt sich das mit ihren Beobachtungen?

Das ist vollkommener Quatsch. Ich habe keine Leute aus dem Mittleren Osten gesehen. Das sind Honduraner, Salvadorianer, Guatemalteken und Nicaraguaner. Da sind auch keine Bewaffneten darunter, das sind normale Erwachsene, Kinder, Ältere. Manche laufen auf Krücken. Diese Leute haben das Allernötigste zusammengerafft und sich auf den Weg gemacht. Es sind die Elenden, die da marschieren.

Warum machen sich die Menschen auf den Weg?

Ich habe mit vielen gesprochen und immer wieder drei Gründe gehört. Das eine ist die konkrete Bedrohung des Lebens. Die Maras, kriminelle Banden, die zum Beispiel in Honduras und El Salvador sehr stark sind, wollten sie rekrutieren. Sie haben sich geweigert. Wenn sie bleiben, würden die Maras sie umbringen. Der zweite große Grund ist die ökonomische Perspektivlosigkeit. Viele Leute sagen: Mit dem, was ich verdiene, kann ich meine Familie nicht ernähren.

Und der dritte Grund?

Nennen wir es "bad governance", schlechte Regierungsführung. Korruption und Straflosigkeit haben in Mittelamerika ein unglaubliches Ausmaß erreicht. Nehmen sie als Beispiel Honduras: Die Kräfte, die sich 2009 an die Macht geputscht haben, sind nach sehr zweifelhaften Wahlen inzwischen anerkannt. Es gab Proteste mit Toten, aber die internationale Gemeinschaft hat die Menschen im Stich gelassen. Ich halte daher auch ein Argument für falsch, das man immer wieder hört: "Streitet zu Hause für eine Verbesserung, kommt nicht zu uns." Viele dieser Leute haben genau das probiert, aber es hat nichts genutzt. Das Gleiche zeichnet sich tragischerweise in Nicaragua ab, wo das Ortega-Regime die Proteste der vergangenen Monate brutal unterdrückt.

Wie gut sind denn die Chancen dieser Menschen, tatsächlich ein besseres Leben zu finden? Nicht alle schaffen es ja in die USA.

Das stimmt. Aber schon Mexiko bietet bessere Möglichkeiten. Viele Regionen sind zwar unsicher, dafür gibt es aber immerhin einige Jobs. Für diese Perspektive riskieren die Menschen ihr Leben. Das geht leider nicht immer gut aus. Man hört immer wieder von Leuten, die verschwinden oder von Banden aufgegriffen und versklavt werden, in den Drogenküchen, im Drogenkrieg oder als Prostituierte. Dagegen bietet die Masse der Menschen in der Karawane einen gewissen Schutz. Für Nachzügler oder Leute, die voranmarschieren, gilt das aber nicht. Zwischen Veracruz und Puebla sind vor Kurzem drei Lastwagen verschwunden, darin saßen etwa 100 Menschen.

Viele der Migranten kommen gerade in der Grenzstadt Tijuana an, auf die andere Seite ins US-amerikanische San Diego sind es nur wenige Kilometer. Wie schätzen Sie die Lage dort ein?

Die Situation ist schwierig, es gibt ein improvisiertes Flüchtlingslager, die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln ist aber nicht besonders gut. Hinzu kommt, dass die US-Regierung versucht, die Menschen zu demoralisieren. Pro Tag werden nur etwa 90 Visa-Anträge bearbeitet, in diesem Tempo müssten sie dort monatelang ausharren.

Es gab auch schon Proteste von Anwohnern. Sind das Mexikaner, die nun selbst Angst um ihre Jobs haben?

Das glaube ich nicht. An der Demonstration haben nur etwa 300 Leute teilgenommen, die überwiegend aus einem der reicheren Stadtteile Tijuanas kamen. Sie haben Trump-Parolen skandiert, das hat aus meiner Sicht eher etwas mit Ressentiments zu tun. Ich glaube aber nicht, dass das Überhand nehmen wird. Deutlich mehr Mexikaner haben sich unterwegs solidarisch gezeigt, sie haben die Migranten mit Wasser, Lebensmitteln, Klamotten unterstützt. Die Migranten haben dafür viel Dankbarkeit geäußert.

Wie kann den Menschen geholfen werden?

Man muss sich fragen, warum dieser Exodus stattfindet. Warum sind die Verhältnisse so, dass viele Menschen keinen Ausweg mehr sehen? Die europäischen Regierungen sollten den Druck auf korrupte Politiker in Mittelamerika deutlich erhöhen. Auch von Europa aus kann man sich einsetzen für Menschenrechte, für Gesundheit und Bildung, für die Rechte indigener Gemeinden, die zum Beispiel von Bergbauprojekten bedroht werden. Auch diese Menschen machen sich gerade auf den Weg in Richtung USA. Andernorts führt die Palmöl- und Biospritproduktion dazu, dass große Konzerne Kleinbauern von ihrem Land verdrängen. Von der Verantwortung der Industrienationen für den Klimawandel, der die Ernten und damit das Überleben der Menschen bedroht, gar nicht zu reden. Die Konsequenzen der westlichen Lebensweise sind somit auch eine Fluchtursache.

© SZ.de/lalse
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