Karadzic vor UN-Tribunal "Unsere Sache ist gerecht und heilig"

Das Massaker von Srebrenica, die Belagerung Sarajewos - vor dem Haager Tribunal weist Radovan Karadzic die ihm zur Last gelegten Verbrechen im Bosnienkrieg zurück.

Sieht so ein Massenmörder aus? Ein fast schlohweißer Haarschopf, buschige Brauen, ein scharfkantiges Gesicht, stets wache Augen. Maßanzug mit Schlips und Kragen. Dazu ein souveränes Auftreten.

Als Radovan Karadzic vor dem UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien zu einer stundenlangen Verteidigungsrede ausholt, wirkt er nicht wie ein Angeklagter. Eher wie ein Geschichtsprofessor, der die Welt über ein paar bedauerliche, allerdings bislang von vielen, unter ihnen die Staatsanwälte, falsch beurteilte Entwicklungen auf dem Balkan aufklärt.

"Alles, was wir Serben getan haben, war, uns zu verteidigen", hält er dem Gericht mit fester Stimme auf serbokroatisch entgegen. "Unsere Sache ist gerecht und heilig." Manchmal spricht er so schnell, dass die Simultandolmetscher zu Höchstleistungen auflaufen müssen. Karadzic beherrscht die englische Sprache bestens, aber er besteht auf Übersetzung.

Das Gericht soll die Sprache seiner stolzen Nation hören, der Serben, die "in Bosnien jahrhundertelang unterdrückt wurden". Und daheim, wo seine Worte natürlich im Original zu hören sind, soll klarwerden: Hier steht einer von uns vor Gericht.

Das Tribunal - ein Mittel zur Disziplinierung?

Einer, der nichts weiter getan hat, als sein Volk gegen eine Verschwörung bosnischer Muslime und Kroaten mit der Nato zu beschützen, die einzig und allein Machtinteressen des Westens verfolgt habe. Ein serbischer Held.

Zehntausende Seiten an Beweismaterial haben amerikanische Ankläger Alan Tieger und die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff mit ihrem Team gegen ihn zusammengetragen haben - laut Karadzic nichts weiter als "Fabrikation". Er wirft der Staatsanwaltschaft vor, sie wolle "dieses Tribunal zu einem Disziplinierungsinstrument der Nato" für ihn machen.

Karadzic muss sich in elf Anklagepunkten wegen Kriegsverbrechen, Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 verantworten. Zu den Gräueltaten, die ihm zur Last gelegt werden, zählt das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden.

Zudem soll Karadzic auch die monatelange mörderische Belagerung der einstigen Olympiastadt Sarajewo angeordnet haben. Er soll die Ermordung von Kindern, Frauen und Männern in Sarajevo durch Heckenschützen von den umliegenden Bergen aus gebilligt haben.

Doch was immer man Radovan Karadzic vorhält, in seiner Argumentationskette wurden Serben stets durch andere und stets im Selbstschutz zu Gewalttaten gezwungen. Das und auch die Schuld der Nato, die indirekte Mitschuld von Ländern wie Deutschland, die voreilig ehemalige Teilrepubliken Jugoslawiens diplomatisch anerkannt und damit die Spannungen nur noch geschürt hätten, werde er "lückenlos beweisen", kündigte er an.

Rundumschlag gegen Feinde der Serben

Kann er das? Fest steht vorerst nur: Der Prozess wird sich viele Monate hinziehen. Und es werden Sachverhalte zur Sprache kommen, die auch für die Nato möglicherweise peinlich oder zumindest nicht ganz einfach zu erklären sein dürften.

Ob der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon aus Südkorea am Ende zu dem Schluss kommt, die Anklage habe hinreichend bewiesen, dass Karadzic wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden muss, schien zumindest an diesem Montag im Saal 1 des Jugoslawien-Tribunals offen.

Auch die Beweisführung der Staatsanwaltschaft, wenngleich eher an konkreten persönlichen Schuldvorwürfen als an großen historischen Zusammenhängen orientiert, macht nicht immer den Eindruck vollkommen schlüssig zu sein.

Karadzic hingegen redet sich gelegentlich in Argumentationen hinein, die die das Gericht kaum als Stärkung seiner Glaubwürdigkeit bewerten dürfte. Sein Rundumschlag gegen die Feinde der Serben lässt fast niemanden aus.

Die Aussagen internationaler humanitärer Helfer? Das waren doch alles Agenten. Die hätten Waffen und Kämpfer für Serbiens Feinde geschmuggelt. Bilder und Videos von Opfern serbischer Gräueltaten? Alles manipuliert, alles gelogen durch gekaufte Journalisten.

Zu Skeletten abgemagerte gefangene Bosnier? Das seien Menschen gewesen, die "halt von Stacheldraht umgeben, ansonsten aber frei waren". Und überhaupt: "Meine Version ist viel glaubwürdiger als die der Staatsanwaltschaft!" Vollkommen sicher erscheint am Ende nur dies: Egal, was Karadzic sagt, er bereut nichts.

Im Video: In Den Haag wird nach viermonatiger Pause der Prozess gegen den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic fortgesetzt.

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