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Karadzic-Prozess in Den Haag:Die Qual der Gerechtigkeit

14 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica steht Radovan Karadzic in Den Haag vor Gericht. Der Druck auf das Kriegsverbrechertribunal ist hoch - es braucht einen schnellen Sieg.

Wie lang und schwer der Weg zur Gerechtigkeit ist, wissen am besten die Opfer von Radovan Karadzic. Dieser skrupellose und moralisch verdorbene Mensch, dessen Gesicht zum Symbol geworden ist für die Gewalt auf dem Balkan, konnte sich eine (gefühlte) halbe Ewigkeit seiner Verhaftung entziehen.

Spuren des Massenmords: Eine bosnische Muslimin vor den Grabsteinen der Opfer des Massakers von Srebrenica, das Einheiten bosnischer Serben 1995 verübten.

(Foto: Foto: AP)

Zu einer Zeit, als die Verbrechen des Bosnien-Krieges längst bekannt waren, lebte er unbehelligt als Wunderdoktor im Verborgenen und in der Freiheit wirrer Gedanken. Für seine Opfer war das eine Qual, und auch für das Ideal der Gerechtigkeit sind die 14 Jahre, die von der ersten Anklage bis zum Prozessbeginn vergangen sind, eine Schande. Dafür sind viele verantwortlich.

Schuld daran tragen nicht allein die Serben, die ihre kriminelle Führerfigur - bei Strafe ihrer internationalen Ächtung - im Untergrund versteckten. Auch der Westen hält seinen Anteil.

Katz-und-Maus-Spiel

In den Jahren nach dem Krieg wäre es für die Nato mit ihren immerhin 60.000 Soldaten in Bosnien leicht gewesen, Karadzic zu verhaften. Doch in den westlichen Hauptstädten fehlte dazu der politische Wille, was die frühere Chefanklägerin Carla del Ponte sarkastisch als Katz-und-Maus-Spiel beschrieben hat: "Die meiste Zeit haben die Katzen (der Westen) sich die Augen verbunden, sodass die Mäuse (die Kriegsverbrecher) von einem Loch zum anderen liefen."

Jetzt endlich, mit 14 Jahren Verspätung, wird dem mutmaßlichen Initiator der ethnischen Vertreibung der Prozess gemacht, und viele Menschen in Bosnien wünschen der Gerechtigkeit und ihren Helfern einen schnellen Sieg. Den hat das Haager Tribunal auch dringend nötig.

Denn nachdem das Gericht zunächst jahrelang auf die wichtigsten Angeklagten warten musste, hat es seither nur wenige Hauptverantwortliche schuldig sprechen können. Slobodan Milosevic starb während der Verhandlung, und in dem bisher größten Srebrenica-Verfahren gibt es immer noch kein Urteil, obwohl schon seit 2006 verhandelt wird.

Ein unerträgliches Jahr für die Opfer

Das Gericht muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sein juristisches Mahlwerk laufe zu langsam, weil die Anklagen überfrachtet seien. Und in der Tat: Die Anklage gegen Milosevic umfasste 66 Punkte, von denen zum Zeitpunkt seines Todes nach insgesamt 466 zum Teil chaotischen Verhandlungstagen nicht ein einziger entschieden war.

Auch die Karadzic-Anklage enthält so viele Punkte, dass sich der Eindruck aufdrängt, die Staatsanwälte hätten nicht viel aus dem Milosevic-Verfahren gelernt.

Von der Verhaftung Karadzics im Juli 2008 bis zum Prozessbeginn ist wieder ein für die Opfer unerträglich langes Jahr vergangen - in der Hauptsache nur deshalb, weil das Gericht mit den Staatsanwälten über den Umfang der gewaltigen Anklage stritt. Diese Anklage legt nun dem früheren Psychiater nicht nur zahllose Verbrechen in ganz Bosnien zur Last. Die Ankläger unternehmen darüber hinaus den ehrgeizigen Versuch, die ethnische Vertreibung juristisch als Genozid anzuklagen. Wozu dieser enorme Aufwand, wo doch ein schneller Schuldspruch etwa für die Belagerung von Sarajewo relativ leicht zu erreichen wäre?

Viele Menschen auf dem Balkan können die lange Verfahrensdauer nicht verstehen. Sie sähen es am liebsten, wenn der 64-Jährige im Sinne der makabren Forderung verurteilt würde, die der ehemalige sowjetische Generalstaatsanwalt Andrei Wyschinski kurz vor den NS-Prozessen als Trinkspruch ausbrachte: "Möge ihr Weg direkt vom Gericht ins Grab führen." Und auch den Geldgebern des Tribunals wäre es lieb, wenn die teure Einrichtung bald schließen könnte.

Gegen Geschichtsfälschung

Der Druck auf das Tribunal ist diesmal viel größer als vor dem Milosevic-Verfahren. Doch die Ankläger haben ihm zu Recht widerstanden, weil es ihnen um mehr geht, als ihren wichtigsten Angeklagten wie einen Strauchdieb abzuurteilen.

Denn in diesem möglicherweise letzten großen Prozess zu den Kriegsverbrechen auf dem Balkan geht es noch einmal um die komplexe historische Dimension des Krieges und seines mutmaßlichen Haupttäters.

Karadzics Schuld als demagogischer Hintermann der Bluttaten zu zeigen, ihm zu beweisen, dass er mit anderen den Plan der ethnischen Säuberungen verabredete und umsetzte - das ist das große Ziel dieses Prozesses. Noch einmal sollen die Gräuel der Bosnien-Kriege in aller Brutalität und Komplexität erfasst werden, um gegen Geschichtsfälschung und Legendenbildung, die vor allem auf dem Balkan wuchern, die Macht der Fakten zu setzen.

Den Opfern aber, die schon so lange auf ein Urteil warten, mutet dieses Verfahren weitere Geduldsproben zu. Sie werden es ertragen müssen, dass Karadzic mit immer neuen Winkelzügen den Zeitplan durchkreuzen wird, wie das gleich zur Prozesseröffnung deutlich wurde. Reue, wie sie bei den Nürnberger Prozessen einst Wilhelm Keitel zeigte, oder gar ein Geständnis wie von Karadzics freigekommener Stellvertreterin Biljana Plavsic, wird man von diesem Schurken nicht erwarten dürfen.

Das Urteil wird frühestens 2012 ergehen - 20 Jahre nach den ersten Schüssen in Bosnien. Gerechtigkeit kann qualvoll sein. Trost kann den Opfern nur diese Gewissheit geben: Karadzics Name wird von der Geschichte verflucht werden.

Prozess gegen Karadzic in Den Haag

Vorwurf Völkermord